Politische Philosophie versus Politische Theologie?
Die Frage der Gewalt im Spannungsfeld von Politik und Religion
 

Fachtagung der ARGE „Politik, Religion, Gewalt“ der
Österreichischen Forschungsgemeinschaft

und der

Forschungsplattform "Weltordnung – Religion – Gewalt"
an der Universität Innsbruck
 

11.-13. Juni 2009

Ort: Theologische Fakultät der Universität Innsbruck, Karl-Rahner-Platz 1
Der öffentlich zugängliche Eröffnungsvortrag von Hermann Lübbe findet im Madonnensaal, Katholisch-Theologische Fakultät, Karl-Rahner-Platz 3/2. Stock, statt.
Alle anderen Vorträge finden im Dekanatssitzungssaal, Katholisch-Theologische Fakultät, Karl-Rahner-Platz 1/1. Stock, statt.

Anmeldung
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Donnerstag, 11. Juni 2009

18:00-19:30
Abendessen

19:30-21:30
Hermann Lübbe (Zürich)
Religion als Modernisierungsgewinner. Politische, kulturelle und existentielle Aspekte
(Eröffnungsvortrag und gleichzeitig öffentlich zugängliche Raymund Schwager Vorlesung)

Freitag, 12. Juni 2009

1. Die Perspektive der Politischen Philosophie

09:00-10:00
Walter Schweidler (Bochum)
Die Politische Philosophie im Gegenüber zur Politischen Theologie
Response: Werner Ernst (Innsbruck)

10:00-11:00
Muhammad Legenhausen (Qom/Iran)
The Relationship between Political Philosophy and Political Theology: A Muslim Perspective
Response: Thomas Scheffler (Beirut)

11:00-11:30
Pause

11:30-12:30
Hans Kraml (Innsbruck)
Die Lösung der Politik aus der Theologie bei Marsilius von Padua
Response: Kristina Stöckl (Innsbruck)

Moderation: Mattias Scharer

12:30-14:30
Mittagessen

14:30-15:30
Andreas Oberprantacher (Innsbruck)
„...eine schwache messianische Kraft...“: Walter Benjamins Hoffnung in politischer und theologischer Dimension
Response: Józef Niewiadomski (Innsbruck)

2. Die Frage der Politischen Theologie

15:30-16:30
Christoph Schmidt (Jerusalem)
Politische Theologien des Judentums
Response: Peter Zeillinger (Wien)

16:30-17:00
Pause

17:00-18:00
Wolfgang Palaver (Innsbruck)
Ist das Theologische vermeidbar? Politische Theologie von Thomas Hobbes bis Carl Schmitt
Response: Andreas Hetzel (Darmstadt)

Moderation: Gerhard Larcher

18:00-19:30
Abendessen

19:30-20:30
James A. Reimer (Waterloo, Kanada)
Political Theology: A Mennonite Perspective
Response: Gerda Riedl (Augsburg)

20:30-21:30
Astrid von Schlachta (Innsbruck)
Das Politische in der "apolitischen" Geschichte. Robert Friedmann im Kontext von Täufern und religiösem Sozialismus
Response: Roman Siebenrock (Innsbruck)

Moderation: Józef Niewiadomski

Samstag, 13. Juni 2009

3. Politische Religionen als Anfrage an die systematische Unterscheidung von Politischer Philosophie und Politischer Theologie

9:00-10:00
Marina Cattaruzza (Bern)
Politische Religionen und Totalitarismus
Response: Jürgen Nautz (Wien)

10:00-11:00
Pierangelo Schiera (Trient)
Politische Religionen als Phänomen der Moderne
Response: Artur Boelderl (Linz)

11:00-11:30
Pause

11:30-12:30
Marco Russo (Innsbruck)
Otto Bauer und die Entstehung des Religiösen Sozialismus in Österreich
Response: Wilhelm Guggenberger (Innsbruck)

Moderation: Brigitte Mazohl

12:30
Ende der Tagung


14:00-18:00
ARGE-Sitzung
Schwerpunkt: NFN-Antrag



Der amerikanische Essayist und Spezialist für europäische Ideengeschichte Mark Lilla hat in einem interessanten und bereits viel diskutierten Buch The Stillborn God: Religion, Politics, and the Modern West (2007) die westliche Moderne als eine Welt charakterisiert, in der die Politische Theologie durch die Politische Philosophie ersetzt wurde. Mit „Politischer Theologie“ bezeichnet Lilla dabei Lehren, die die Ausübung politischer Autorität aus einer religiösen Offenbarung ableiten, während sich die „Politische Philosophie“ auf die Möglichkeiten menschlicher Vernunft beschränkt. Am Beginn der modernen westlichen Welt stehe die von Hobbes, Locke und Hume entwickelte Wende von der politischen Theologie zur politischen Philosophie, die Lilla als „Great Separation“ bezeichnet. Diese Trennung von Politik und Theologie sei die notwendige Antwort auf die Religionskriege des 17. Jahrhunderts gewesen. Viele Gewaltexzesse dieser Zeit könnten nur erklärt werden, wenn sie als Folge von Kämpfen verstanden würden, die theologische und religiöse Fragen ins Zentrum rückten.

In einem weiteren Schritt zeigt Lilla aber auch auf, dass die grundlegende Trennung – im Gefolge von Rousseau, Kant und Hegel – im Deutschland des 19. Jahrhunderts zu liberalen politischen Theologien führte (Harnack, Troeltsch, Cohen), deren Gott eine „Totgeburt“ („stillborn God“) blieb, die den religiösen Erwartungen der Menschen in der Krise nach dem Ersten Weltkrieg nicht gerecht wurde. Am Beispiel von Protestantismus und Judentum zeigt Lilla wie in Karl Barth und Franz Rosenzweig der theologische Protest gegen die liberale Theologie erwachte. Verschiedenste Formen von politischen Theologien gewannen in dieser Zeit wieder an Bedeutung, die sich politisch sehr unterschiedlich ausrichteten. Im Protestantismus Deutschlands steht Paul Tillich für die Entscheidung zum religiösen Sozialismus, während sein Freund Emanuel Hirsch sich dem Nationalsozialismus zuwandte. Ähnlich wie Hirsch entschied sich auch Friedrich Gogarten für den Nationalsozialismus. Im Gefolge des jüdischen Messianismus steht dagegen Ernst Blochs Entscheidung für den Kommunismus.

Lillas Essay berührt sich auf interessante Weise mit den Arbeiten des deutschen Philosophen Heinrich Meier, der im Blick auf Leo Strauss und Carl Schmitt eine ähnliche Unterscheidung von Politischer Philosophie und Politischer Theologie vornahm. Während Lilla sich auf protestantische und jüdische Autoren beschränkte und katholische Autoren bewusst unberücksichtigt ließ, rückt Meier mit Schmitt einen katholischen Vertreter der Politischen Theologie ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Ziel der Fachtagung
Ziel der Fachtagung ist die kritische Diskussion der Thesen von Lilla und Meier im Blick auf die aktuelle Diskussion über die Rückkehr des Religiösen in die Politik, besonders auch im Blick auf den Islam, den Lilla im Nachwort zur Taschenbuchausgabe von 2008 erwähnt.

Systematisch sollen die Konzeptionen Politische Theologie und Politische Philosophie hinsichtlich des Problems der Gewalt, wie es sich seit der Zeit der Religionskriege und besonders in unserer Gegenwart stellt, untersucht werden. Dabei geht es vor allem auch um die Prüfung der These, inwiefern sich die westliche Moderne tatsächlich durch die Ablösung der Politischen Theologie durch die Politische Philosophie kennzeichnen lässt, sowie um die noch grundsätzlichere Frage, ob eine Absage an Politische Theologien überhaupt möglich ist.

Aus historischer Sicht soll die Frage diskutiert werden, wie sich die Konzeption der „Politischen Religionen“ gegenüber der systematischen Unterscheidung von Politischer Theologie und Politischer Philosophie verhält. Wie lassen sich die Entstehung der totalitären politischen Religionen von Nationalsozialismus und Marxismus-Leninismus im Blick auf die These von der „Great Separation“ verstehen. Als konkretes historisches Beispiel soll außerdem auch die Entstehung des „Religiösen Sozialismus“ in Österreich diskutiert werden.

Anmeldung und Kontakt:
Maria Hahnen (Sekretariat) und Mathias Moosbrugger (Tagungsbüro)
Anschrift: Institut für Systematische Theologie, Karl Rahner Platz 1, A-6020 Innsbruck Tel. ++43 512 507 8581, Fax: ++43 512 507 9839
mathias.moosbrugger@student.uibk.ac.at


Die Fachtagung Politische Philosophie vs. Politische Theologie?, getragen von der Arbeitsgemeinschaft „Politik – Religion – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und der Forschungsplattform „Weltordnung – Religion – Gewalt“ der Universität Innsbruck, ist die vierte einer Reihe von Tagungen, die sich der interdisziplinären Diskussion und kritischen Befragung verschiedener Rahmentheorien zum Verhältnis von Politik, Religion und Gewalt widmen.

http://www.uibk.ac.at/plattform-wrg/projekte/arge/fachtagung2009.html