Autonomie — Personalität — Verantwortung
Der Mensch — ein freies Wesen ?

Symposium der Arbeitsgemeinschaft "Topologien des Menschlichen"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft

11. - 13. Dezember 2003

Kultursaal des Priesterseminars, Boltzmanngasse 9, 1090 Wien

Anmeldung
Anmeldung

 

Donnerstag, 11. Dezember

18.00 Uhr Begrüßung / Eröffnung: Heinrich Schmidinger

Freiheit ohne soziale Verantwortung? "Freigeisterei" (Kant) versus "Freigeist" (Nietzsche)
Annemarie Pieper, Basel

Diskussion

Freitag, 12. Dezember

Freiheit — eine Illusion ?

9.00 Uhr

Freiheit in der natürlichen Weltordnung
Ansgar Beckermann, Bielefeld

Diskussion

Verantwortung und Persönlichkeit aus psychologischer Sicht
Wolfgang Klimesch, Salzburg

Diskussion

Kaffeepause

12.15 Uhr

Unser Menschenbild zwischen Selbsterfahrung und neurobiologischer Fremdbestimmung
Wolf Singer, Frankfurt

Diskussion

Mittagspause

Kann Ethik und Autonomie begründet werden ?

14.30 Uhr

Mensch, Person, Weltbild. Zur kulturellen Konstruktion des Menschlichen
Elke Mader, Wien

Diskussion

Autonomie. Ein Begriff und seine Bedeutungen
Herlinde Pauer-Studer, Wien

Diskussion

Kaffeepause

17.30 Uhr

Die Freiheit der sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnosen
Manfred Prisching, Graz

Diskussion

Warum Moral nicht naturalisiert werden kann
Frido Ricken, München

Diskussion

Samstag, 13. Dezember

Heutige Dimensionen menschlicher Verantwortung

9.00 Uhr

Ökonomische Sachzwänge — Bedingungen oder Gegenstand moralischer Autonomie?
Ulrich Thielemann, St. Gallen

Diskussion

Verantwortung und Strafrecht
Lukas Gschwend, St. Gallen

Diskussion

Kaffeepause

12.00 Uhr

Autonomer Patient — Verantwortungsvoller Arzt in der Plastischen und Wiederherstellungschirurgie. Idealzustand und Realität
Hildegund Piza, Innsbruck

Diskussion

13.15 Uhr Abschluß der Veranstaltung

DIE REFERENTEN:

Univ.Prof. Dr. Ansgar BECKERMANN, Abteilung Philosophie, Universität Bielefeld
Univ.Prof. Dr. Lukas GSCHWEND, Lehrstuhl für Rechtsgeschichte und Rechtssoziologie, Universität St. Gallen
Univ.Prof. Dr. Wolfgang KLIMESCH, Institut für Psychologie, Universität Salzburg
Univ.Prof. Dr. Elke MADER, Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien
Univ.Prof. Dr. Herlinde PAUER-STUDER, Institut für Philosophie Universität Wien
Univ.Prof. Dr. Annemarie PIEPER, Philosophisches Seminar, Universität Basel
Univ.Prof. Dr. Hildegunde PIZA, Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie, Universität Innsbruck
Univ.Prof. Dr. Manfred PRISCHING, Institut für Soziologie, Universität Graz
Univ.Prof. Dr. Friedo RICKEN, Fachbereich Ethik und Sozialphilosophie, Hochschule für Philosophie München
Univ.Prof. Dr. Wolf SINGER, Max Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main
Univ.Prof. Dr. Ulrich THIELEMANN, Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen

 

Motivation

Absicht der Tagungsreihe „Topologien des Menschlichen“ ist es, eine transdiziplinäre Verständigung darüber herzustellen, was sich unter den Bedingungen des gegenwärtigen Wissens an grundlegenden Aussagen über den Menschen machen lässt. Den Anlass dazu bietet nicht nur der Umstand, dass die Frage nach dem Selbstverständnis, das der Mensch von sich hat, immer aktuell und jederzeit von ausschlaggebender Relevanz ist, sondern mehr noch die Tatsache, dass die heutige transdisziplinäre Verständigung über das, was den Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich aber immer dringlicher wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand den Traum von einer umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Menschen in sich integrieren und so etwas wie eine umfassende Übertheorie bilden könnte, die sich jenseits der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ansiedelte, eine neue Philosophie nach altem Muster sozusagen, die sich ohne Rücksicht auf die Fortschritte der diversen Wissenschaften entfaltete. Dazu haben sich die wissenschaftlichen Disziplinen viel zu stark differenziert. Auf der anderen Seite kann es aber nicht bei diesem Fazit bleiben, denn die ständig neuen Erkenntnisse, die sich in den einzelnen Disziplinen – was ihre konkreten Inhalte, das Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade ihrer Bedeutung betrifft – in sehr unterschiedlicher Weise einstellen, erhalten früher oder später zwangsläufig an transdisziplinärer Relevanz, müssen also zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Während im vergangenen Jahr die traditionelle Rede vom Menschen als „animal rationale“ unter dem Titel „Vernunft – Kognition – Intelligenz. Der Mensch – ein animal rationale?“ zur Diskussion stand, befasst sich die Tagung 2003 mit dem klassischen Topos vom Menschen als Wesen, das zur Freiheit fähig ist. Sie steht unter dem Titel „Autonomie – Personalität – Verantwortung. Der Mensch – ein freies Wesen?“

Mit der Freiheit steht ein Thema zur Debatte, das dringender als viele andere der transdisziplinären Verständigung bedarf. Zum einen nämlich ist klar, dass die Vorstellung von Freiheit, die sich in der sogenannten westlichen Hemisphäre erst im 17./18. Jahrhundert herausgebildet hat und die den Menschen als ein seiner selbst bewusstes, über sich selbst verfügen könnendes Wesen begreift, nach wie vor das Fundament der westlich dominierten Kulturen bildet und das Selbstgefühl vieler Menschen ausmacht. Zum anderen gelangen Naturwissenschaften und Technologien (Gehirnforschung, Neurobiologie, Gentechnologie, Evolutionstheorie, Informatik, Robotik usw.) immer mehr in die Lage, vieles von dem, was man landläufig als freies menschliches Verhalten ansieht, als Abfolge neuronaler Prozesse zu begreifen, die sich im menschlichen Gehirn abspielen und die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden beschreiben, rekonstruieren und prognostizieren lassen. Sie stellen damit nicht nur den freien Willen, sondern auch die Annahme eines Ich-Zentrums innerhalb der menschlichen Erkenntnis in Frage. Dem gegenüber unterstreichen zwar die Geistes- und Kulturwissenschaften, dass alles, was sich am menschlichen Verhalten nur aus der Konstruktion von Sinngehalten und Intentionalitäten erklären lässt, weder deterministisch noch naturalistisch verkürzt werden kann. Das Streitigmachen bislang geistes- und kulturwissenschaftlicher Kompetenzen durch die Naturwissenschaften lässt sich aber nicht aufhalten und wird darüber hinaus zu einer entscheidenden Herausforderung für das Selbstverständnis der westlichen Kulturen.

Für den Ausgang dieser Auseinandersetzung wird vieles schon allein davon abhängen, ob und inwieweit sich die Wissenschaften untereinander auf einen gemeinsamen Begriff von Freiheit einigen können. Ebenso viel wird davon abhängen, ob sie sich darauf einstellen und dazu bereit sind, dass die Grenzen zwischen den Wissenschaften in Zukunft um der Lösung der damit angezeigten Probleme willen anders verlaufen als bisher.

Nicht weniger als diese Grundsatzdebatte verändern die rasanten Entwicklungen sowohl im Bereich der diversen Technologien als auch innerhalb der Gesellschaft die Diskurse über Spielräume, Chancen und Gefahren der Freiheit ständig. Vor allem die praktisch orientierten Wissenschaften wie Ethik, Medizin, Jurisprudenz, Sozialwissenschaft oder Ökonomie sind davon elementar betroffen. Diese Entwicklungen machen zum einen fragwürdig, fordern zum anderen aber auch heraus, was man traditionellerweise unter „Personalität“ und in der Konsequenz als „Verantwortung“ des Menschen verstanden hat. Wie nicht anders zu erwarten, kann es im Zuge dessen nicht dabei bleiben, alt hergebrachte und lange Zeit hindurch bewährte Vorstellungen zu wiederholen. Vielmehr ist auch hier ein neues Verständnis geboten, das sowohl den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch den faktischen Prozessen innerhalb der Gesellschaft Rechnung trägt. Möglicherweise zeichnet sich dadurch ein neues Menschenbild ab. Die Reflexion darüber ist jedenfalls an der Zeit.