Symposium der Arbeitsgemeinschaft "Sozialethik"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft
27. - 28. Juni 2003
Universitätscampus Altes AKH, Hof 2, Hörsaal
A
Alserstraße 4, 1090 Wien
9.00
Die globale Frage - Ethische Herausforderungen der Weltentwicklung
PETER KOLLER, Graz
10.10 Kaffeepause
10.40
Die Weltgesellschaft - Idee und Realität
MANFRED PRISCHING, Graz
11.50
Globale Ethik: Ein Begriff mit Unschärfen
HERLINDE PAUER-STUDER, Wien
13.00 Mittagspause
14.00
Die Dynamik globaler Arbeitsteilung und Spezialisierung: Mechanismen,
Institutionen und "unintended consequences"
RICHARD STURN, Graz
15.10
Globale Armut: Erklärung und Verantwortung
THOMAS POGGE, New York
16.20 Kaffeepause
16.50
Globale Governance der Weltwirtschaft
WOLFGANG BENEDEK, Graz
18.00
Globalisierung: Konsequenzen für Wirtschafts- und Sozialpolitik
GEBHARD KIRCHGÄSSNER, St. Gallen
9.00
Staatsversagen, Globalisierung und politischer Regimekonflikt
HERBERT KITSCHELT, Durham/NC
10.10 Kaffeepause
10.40
Postsouveräne Polis? Mehrebenendemokratie im supranationalen Europa
RAINER BAUBÖCK, Wien
11.50
Kulturelle Differenz, Toleranz und Demokratie
RIDHA CHENNOUFI, Tunis
13.00 Mittagspause
14.00
Die normative Bedeutung politischer Grenzen
CHRISTINE CHWASZCZA, Kiel
15.10
Von der Souveränität zur Subsidiarität. Ein unvollständiger
Paradigmenwechsel als Option
CHRISTIAN HIEBAUM, Graz
16.20 Abschluß der Veranstaltung
Zur Person: Studium der Soziologie an der Universität Wien (Dr.phil.
1977), Postgraduate Ausbildung in Politikwissenschaft am Institut für
Höhere Studien, Wien (1976-78), Habilitation in Politikwissenschaft an
der Universität Innsbruck (1995); dzt. Leiter der Arbeitsgruppe Europopäische
Migrations- und Integrationsstudien, ÖAW/ IWE; Lehrbeauftragter an den
Universitäten Innsbruck und Wien; Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren
u.a. an den Universitäten Warwick (1990/91), Princeton (1998/99), Malmö
(2000/01), Bristol (2002) und Wien (2002/03).
Publikationen ( Buchveröffentlichungen u.a.): Transnational Citizenship.
Membership and Rights in International Migration, Aldershot 1994; Blurred Boundaries.
Migration, Ethnicity, Citizenship (Hg.), Aldershot 1998; The Challenge of Diversity.
Integration and Pluralism in Societies of Immigration (Hg.), Aldershot 1996;
From Aliens to Citizens. Redefining the Legal Status of Immigrants in Europe
(Hg.), Aldershot 1994; Wege zur Integration. Was man gegen Diskriminierung und
Fremdenfeindlichkeit tun kann (Koautor), Klagenfurt 2001.
Die Globalisierungsdebatte der 1990er Jahre und die gegenwärtige Debatte um die neue Weltordnung haben gezeigt, dass die Annahme geschlossener Gesellschaften (J. Rawls) auch für normative Theorien zunehmend fragwürdig wird. Theorien der globalen Gerechtigkeit waren bislang auf zwei Arten von Akteuren fixiert, denen politischer und moralischer Status zuerkannt wurde: unabhängige Staaten und menschliche Individuen. Für beide Akteure galten Prinzipien der horizontalen Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Theorien, die sich vorrangig mit innerstaatlicher Gerechtigkeit und Demokratie befassen, haben dagegen oft für gruppendifferenzierte Bürgerrechte und kulturelle oder politische Autonomie innerstaatlicher Minderheiten plädiert. Ich werde argumentieren, dass dieser Impuls auch für suprastaatliche und globale Ebenen relevant ist. Der Bezugspunkt idealer Theorien sollte ein Mehrebenenmodell ineinander verschachtelter und teilweise überlappender politischer Gemeinschaften sein. In territorialer Hinsicht sollten lokale Gemeinden, autonome innerstaatliche Regionen, unabhängige Staaten, supranationale Gemeinschaften und die globale Staatenordnung unterschieden werden. Für jede dieser Ebenen politischer Gemeinschaft gelten spezifische normative Prinzipien hinsichtlich der Ansprüche auf politische Autonomie, auf soziale Gerechtigkeit und für die Festlegung und Durchlässigkeit der Außengrenzen. In einem solchen Modell ist es nicht nur leichter möglich, den Ansprüchen von Migranten und nationalen Minderheiten gerecht zu werden, sondern auch in Europa neue Formen der Demokratie im supranationalen Raum zu erproben, ohne diese ins Korsett traditioneller Staatlichkeit einzuzwängen.
Universität Graz, Institut für Völkerrecht und Internationale
Beziehungen
Universitätsstraße 15, A-8010 Graz, e-mail:
wolfgang.benedek@uni-graz.at
Zur Person: Geb. 1951; Studium der Rechtswissenschaften (Promotion 1974)
sowie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (Sponsion 1977) an der Universität
Graz; Auslandsstudium an der Sorbonne Paris I (1975/76), wiss. Referent am Max-Planck-Institut
für ausländisches öffentliches Recht u. Völkerrecht in Heidelberg
(1979/80), Mitarbeiter des Völkerrechtsbüros im Bundesministerium
für Auswärtige Angelegenheiten (1980-1982); Habilitation an der Universität
Graz für Völkerrecht und das Recht Internationaler Organisationen
(1988), danach ao. Univ.-Prof., 2002 Ruf als o. Professor am Institut für
Völkerrecht der Universität Graz; Gastprofessuren an der Rutgers University
School of Law in Camden, N.J. (1989) und der Universität Augsburg (1990/91);
seit 1994 Lehrbeauftragter an der Diplomatischen Akademie in Wien, sowie seit
2000 an europäischen Masterprogrammen Menschenrechte und Demokratisierung
in Venedig und in Sarajewo.
Publikationen (Auswahl): Die Rechtsordnung des GATT aus völkerrechtlicher
Sicht, Berlin-Heidelberg 1990; Handbuch der österreichischen GATT-Praxis,
Wien 1998; Relations of the WTO with international organizations and NGOs, in:
F. Weiss et al. (eds.), International Economic Law with a Human Face, The Hague
1998; Die Entwicklungsländer in der WTO, in: Zeitschrift für Europarechtliche
Studien (ZeuS), Heft 1, 2000; Human Rights of Women: International Instruments
and African Experiences, W. Benedek / E. Mayambala / G. Oberleitner (eds.),
London 2002; Kompetenzen und Rechtsordnung der WTO, in: Michael Bothe (Hg.),
Entschädigung nach bewaffneten Konflikten, Die Konstitutionalisierung der
Welthandelsordnung, Berichte der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht,
Bd. 40, Heidelberg 2003.
Die Bedeutung der Weltwirtschaft ist seit 1945 insbesondere durch die Globalisierung stark angestiegen. Die für die Regelung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen vorgesehenen internationalen Institutionen wurden für diese neuen Dimensionen ihrer Aufgaben jedoch nur mit ungenügenden Zuständigkeiten und Verfahren ausgestattet, ja durch die Errichtung der G 7 (8) sogar teilweise umgangen. Daraus folgt das weithin beklagte Demokratiedefizit in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen, wobei sich die Frage nach der Rolle nicht-staatlicher Akteure wie NGOs und TNCs stellt. Eine neue internationale soziale Bewegung in Verbindung mit Porto Alegre will die ethische Herausforderung aufnehmen, was Grundsatzfragen eines neuen internationalen wirtschaftlichsozialen Interessenausgleiches thematisiert. Besonders problematisch erscheint, dass kein internationales Organ besteht, das eine effektive Koordinierung der verschiedenen internationalen Wirtschaftsorganisationen, insbesondere jedoch der wirtschaftlichen und der sozialen Dimension der internationalen Beziehungen wahrnehmen kann. Die G 7 (8) sind nicht hinreichend legitimiert, der UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) unfähig, und Vorschläge für einen wirtschaftlich-sozialen Sicherheitsrat waren politisch nicht verwirklichbar. Dies wirft die Frage nach den Inhalten und Verfahren einer globalen Governance der Weltwirtschaft und damit der diesbezüglichen Entwicklungsmöglichkeiten des Völkerrechts auf.
Université de tunis, Faculté des Sciences Humaines et Sociales
94, Boulevard du 9 avril1938, Tunis 1007, e-mail: ridha.chennoufi@planet.tn
Zur Person: Geb. 1952, Studium der Philosophie in Tunis, 1975-80 Professeur
de lenseignement secondaire, 1980-84 Studium in Saarbrücken, 1985
Dissertation über die praktische Philosophie Hegels, 1984-95 Assistant
de philosophie an der Faculté des Sciences Humaines in Kairouan, 1995
Doctorat dEtat (Habilitation), seit 1995 Professor für Moral- und
politische Philosophie an der Universität Tunis.
Publikationen: Droit et méthode chez Hans Kelsen, Tunis 1995;
La fondation de la morale, Tunis 2000; sowie zahlreiche Aufsätze, u.a.:
La philosophie hégélienne du droit, in: Logique et politique,
Tunis 1997; Le concept de nation chez Carl Schmitt, in: Philosophie politique,
Paris 1997; Demokratie oder Autokratie : die Debatte zwischen Carl Schmitt und
Hans Kelsen, in: Justice in Society and World Order, Wien 1997; Le rapport aux
valeurs et la controverse autour du concept de droit, in: La rationalité
des valeurs, Paris 1998; Ethik und Kolonialismus, in: Applied Ethics, Wien 1999;
Viktor Kraft et la fondation de la morale, in: La philosophie autrichienne,
Tunis 2000; Islam et identité, in: Comprendre, Paris 2000; Politique
et personnel politique en terres dislam, in: Comprendre, Paris 2002; La
dictature et la question des libertés, in: La philosophie de Karl Popper,
Tunis, 2003.
Ziel des Referats ist es zu zeigen, dass der kulturelle Pluralismus und die Toleranz ein politisches Problem darstellen, das nur im Rahmen einer globalen Betrachtungsweise angemessen gelöst werden kann. Eine Gegenüberstellung der Analysen des von Kant und Herder beeinflussten Kulturbegriffs führt zum Ergebnis, dass sie nicht geeignet sind, den Antagonismus zwischen den spezifischen Lebensformen der verschiedenen Völker und dem universellen menschlichen Charakter, den diese Formen eigentlich zum Ausdruck bringen sollten, aufzulösen. Dieser Antagonismus ist um so gefährlicher, als er auch politischer Natur ist. Die Entscheidung für eine bestimmte Vorstellung des Menschlichen führt nämlich immer zu einer politischen Konfrontation. In der Überzeugung, im Namen der Menschheit zu sprechen, zögert dabei keine Partei, ihre Vormachtstellung gegenüber der anderen zu legitimieren. Anschließend wird der Begriff der Toleranz, so wie er sich gegenwärtig darstellt, unter der besonderen Berücksichtigung der politischen Dimension analysiert. In diesem Zusammenhang werden die westlichen Demokratien, deren Begründung und Rechtsordnung nicht auf dem Prinzip der Toleranz beruhen, einer kritischen Betrachtung unterzogen. Zu diesem Zweck wird zunächst auf den Nationalismus und Kolonialismus hingewiesen und davon ausgehend über die Möglichkeit einer politischen Ordnung nachgedacht, die sich auf eine absolute Neutralität gegenüber kulturellen Werten gründet. Abschließend wird dargelegt, dass Individuen und Völker trotz einer kulturellen Differenz zwar die gleichen Werte teilen, jedoch auf keinen Fall eine ungleiche Behandlung akzeptieren können. Die Schaffung einer multilateralen Weltordnung ist folglich von entscheidender Bedeutung.
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Philosophisches Seminar
Olshausenstraße 40, D-24098 Kiel, e-mail: Chwaszcza@aol.com
Zur Person: Geb. 1962; Studium der Politischen Wissenschaft, Soziologie,
Philosophie und Neueren Deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität
München; Promotion 1993; Habilitation im Fach Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität
Kiel 1999; z. Zt. Privatdozentin an der Universität Kiel.
Publikationen: Zwischenstaatliche Kooperation. Perspektiven einer normativen
Theorie der Internationalen Politik, Wiesbaden 1995; Politische Philosophie
der Internationalen Beziehungen (Hg. mit W. Kersting), Frankfurt 1998; Praktische
Vernunft als vernünftige Praxis, Weilerswist 2003 (i.E.); sowie Aufsätze
zur politischen und praktischen Philosophie, darunter z.B.: Ethik der Internationalen
Beziehungen, in: J. Nida-Rümelin (Hg.), Angewandte Ethik, Stuttgart 1996;
Sezession und Selbstbestimmung, in: P. Koller / K. Puhl (Hg.), Current Issues
in Political Philosophy, Wien 1997; Grundprobleme einer liberalen Philosophie
der internationalen Beziehungen, in: Rechtsphilosophische Hefte 7, 1997; Vertrauen.
Einige Überlegungen über das Gelingen ziviler Gesellschaft, in: M.
Kaufmann, Integration oder Toleranz. Minderheiten als philosophisches Problem,
Freiburg-München 2001; Menschenrechte und globale Rechtsstruktur, in: J.
-C. Merle / S. Gosepath (Hg.): Weltrepublik. Globalisierung und Demokratie,
München, 2002; Secession, Humanitarian Intervention, and the Normative
Significance of Political Boundaries, in: D. Chatterjee / D. Scheid (Hg.), Ethics
and Foreign Intervention, Cambridge (i.E.).
Die politische Ordnung der Staatenwelt in souveräne Nationalstaaten ist moralisch revisionsbedürftig und gilt zunehmend als überholt. Da die Option eines Weltstaates sowohl aus funktionalen als auch aus normativen Gründen als Alternative ausscheidet, dreht sich die Diskussion um die normative Bedeutung politischer Grenzen in erster Linie um zwei Fragen: (1) Welche Regelungsbereiche sollen durch partielle Einschränkungen der inneren und äußeren Souveränität auf internationale Institutionen übertragen werden?; (2) Wie sollten internationale Institutionen und Entscheidungsfindungsprozesse gestaltet sein, um normativen Anforderungen zu genügen? Im ersten Abschnitt soll zunächst untersucht werden, wie normative Regelungsbefugnisse zwischen nationalstaatlichen und internationalen Institutionen aufgeteilt werden können. Abschnitt zwei wird als Ergebnis festhalten, dass wesentliche Bereiche sowohl domestischer als auch internationaler Gerechtigkeit nicht auf Prozesse politischer Entscheidungsfindung verzichten können. Der dritte Abschnitt wird die These bekräftigen, dass Prozesse demokratisch legitimierter Entscheidungsfindung einer zivilgesellschaftlichen Einbettung bedürfen, die (zumindest momentan) nur im Rahmen der politischen Organisationsform des Nationalstaates gewährleistet scheint. Damit entsteht aber das Problem, Formen demokratisch legitimierter politischer Entscheidungsfindung auf der Ebene zwischenstaatlicher Institutionen zu finden, die sowohl sachlich gerechtfertigt als auch kompatibel mit einer nationalstaatlichen Organisation der Zivilgesellschaft sind. Der vierte Abschnitt wird in Form eines Ausblicks die sich daraus ergebenden theoretischen Herausforderungen benennen und skizzieren, wie ein Lösungsansatz aussehen könnte.
Universität Graz, Institut für Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie
und Rechtsinformatik
Universitätsstraße 15, A-8010 Graz, e-mail: christian.hiebaum@uni-graz.at
Zur Person: Geb. 1969, Studium der Rechtswissenschaften, Promotion 1997,
seit 1998 Assistent am Institut für Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie
und Rechtsinformatik an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität
Graz.
Publikationen: Politische Vergemeinschaftung unter Globalisierungsbedingungen.
Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Praxis in der Weltgesellschaft,
Frankfurt 1997; sowie Aufsätze zu Themen der Rechtstheorie und politischen
Philosophie, darunter z.B. Politisierung und die Politik ihrer Institutionalisierung,
in: Vienna Working Papers in Legal Theory, Political Philosophy, and Applied
Ethics No. 13, www.juridicum.at
; Systematizität und Pluralität am Beispiel der Globalisierung des
Privatrechts, in: Rechtshistorisches Journal 19 (2000), 451-478; Identität,
Gleichheit und Differenz. Über ein Dilemma der Demokratie im globalen Raum,
in: Reiner Born/Otto Neumaier (Hg.), Philosophie - Wissenschaft - Wirtschaft.
Miteinander denken - voneinander lernen, Wien 2001, 668-672; Das Unbehagen an
der Identitätspolitik, in: Rechtstheorie 32 (2001), 393-416; Gleichheit
als Eigenwert, in: Herta Nagl-Docekal/Herlinde Pauer-Studer (Hg.), Freiheit,
Gleichheit und Autonomie, Wien 2003, 21-48.
In diesem Paper möchte ich mich zunächst vor allem mit einer Frage beschäftigen: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit einer Transformation des Systems souveräner Staaten? Die Antwort darauf möchte ich aus einer Kritik am realistischen Modell internationaler Beziehungen entwickeln, welches das Prinzip der Souveränität als fundamental ansieht und staatliche Außenpolitik auf rationale Eigeninteressenverfolgung reduziert. Ich werde dabei von einer an sich schon recht umstrittenen Prämisse ausgehen, nämlich der Annahme, dass es sich bei Staaten nicht bloß um Strukturen, sondern darüber hinaus um Akteure handelt, die über Interessen und Handlungsfähigkeit verfügen. Sodann werde ich versuchen, die angeblich systemkonstituierende Hierarchie von Struktur und Prozessen zu dekonstruieren, indem ich den Realismus mit einem, wie mir scheint, realistischeren Bild der Realität konfrontiere. Daraus ergibt sich ein Konzept von Souveränität, das letztere als ambivalent und damit notwendigerweise instabil erscheinen lässt. Am Ende möchte ich dann noch auf die Frage eingehen, ob Souveränität heute verzichtbar ist bzw. ob Subsidiarität das neue Paradigma und die Grundlage eines globalen Föderalismus abgeben könnte.
Universität St. Gallen, Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie
Dufourstraße 48, CH - 9000 St. Gallen, e-mail: gebhard.kirchgaessner@unisg.ch
Zur Person: Geb.1948 in Konstanz, Studium der Volkswirtschaftslehre,
Politischen Wissenschaft und Statistik an der Universität Konstanz 1969
- 1973; 1976 Promotion zum Dr. rer. soc. an der Universität Konstanz;
1976 - 1977 Assistent an der Universität Konstanz; 1977 - 1982
Oberassistent am Institut für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich;
1981 Habilitation für Volkswirtschaftlehre und Ökonometrie an der
Universität Konstanz; 1982 Umhabilitation für die gleichen Fächer
an der ETH Zürich; 1984 - 1992 Professor für Volkswirtschaftslehre
und Finanzwissenschaft an der Universität Osnabrück; seit 1992 Ordinarius
für Volkswirtschaftlehre und Ökonometrie an der Universität St.
Gallen sowie Direktor des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft
und Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität St. Gallen; seit
2001 Research Fellow des CESifo-Networks sowie Mitglied der Deutschen Akademie
der Naturforscher Leopoldina, Halle.
Publikationen (wichtigste Buchveröffentlichungen): Homo Oeconomicus,
1991, 2. Aufl. 2000; Demokratische Wirtschaftspolitik: Theorie und Anwendung
(mit Bruno S. Frey), 1994, 3. Aufl. 2002; Die direkte Demokratie: Modern, erfolgreich,
entwicklungs- und exportfähig (mit Lars P. Feld und Marcel R. Savioz),
1999.
Die wirtschaftliche Globalisierung schränkt den Handlungsspielraum der Nationalstaaten im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik zunehmend ein. Dies gilt insbesondere für kleine offene Volkswirtschaften (wie die Schweiz). Nach einer kurzen Ausführung zu den Ursachen der wirtschaftlichen Globalisierung wird im ersten Teil des Vortrags zunächst anhand der Wettbewerbspolitik die zunehmende Internationalisierung der Wirtschaftspolitik aufgezeigt. Zum einen überschreiten die relevanten Märkte die Grenzen der Nationalstaaten, zweitens wurde (zum Teil als Reaktion darauf) die Wettbewerbspolitik internationalen Institutionen übertragen, und drittens müssen kleine Staaten sich an das von großen Staaten bzw. Wirtschaftsblöcken gesetzte Recht anpassen. In einem zweiten Teil wird gezeigt, wie der internationale Steuerwettbewerb Schwierigkeiten für die Finanzierung des Sozialstaates mit sich bringt, da in einer Situation, in der die Nachfrage nach staatlichen Übertragungen eher zunimmt, die zu ihrer Finanzierung notwendige Steuerbasis eher schrumpft. Eine mögliche Reaktion darauf ist die Umgestaltung des Steuersystems, wie sie in vielen Ländern zumindest teilweise vollzogen wurde, mit einer Verlagerung zu den indirekten Steuern, einer geringeren Belastung von Kapital- verglichen mit Arbeitseinkommen und einer spürbaren Entlastung bei den Körperschaftssteuern. Solche Verlagerungen mögen aus Gründen der Gerechtigkeit problematisch erscheinen; sie dürften aber (zusammen mit einer Umgestaltung des Sozialsystems) kaum zu umgehen sein, wenn der Sozialstaat aufrechterhalten werden soll.
Duke University, Department of Political Science
Durham, North Carolina 27708-0204, USA, e-mail: h3738@duke.edu
Zur Person: Geb. 1955, Studium der Geschichtswissenschaft, Soziologie,
und Philosophie an den Universitäten Köln, Marburg, Bielefeld, sowie
an der University of California, Santa Cruz und Berkeley; Diplom (1978) und
Promotion (1979) an der Universität Bielefeld; Lehrtätigkeit an der
University of California, San Diego (1982-83) und Notre Dame (1983-84); seit
1984 Professor of Political Science an der Duke University; 1993-96 zugleich
Professur an der Humboldt Universität zu Berlin, seit 2003 George V. Allen
Professor of International Relations an der Duke University;
Auszeichnungen: Woodrow Wilson Preis (1996), Franklin L Burdette/Pi Sigma
Alpha Preis der American Political Science Association (2000), 2002 Ernennung
zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.
Publikationen: Kernenergiepolitik, Frankfurt 1980; Politik und Energie, Frankfurt 1983; Der ökologische Diskurs, Frankfurt 1984; The Logics of Party Formation, Ithaca 1989; Beyond the European Left, Durham 1990; The Transformation of European Social Democracy, Cambridge 1994; The Radical Right in Western Europe, Ann Arbor 1995; Post-Communist Party Systems (Ko-Autor), Cambridge 1999; sowie eine Vielzahl von Aufsätzen, u.a. in Comparative Political Studies, World Politics, British Journal of Political Science, International Organization und European Journal of Political Research.
Unter welchen Bedingungen greifen Akteure zu gewaltsamen Methoden, um etablierte Herrschaftsstrukturen aufzubrechen? Welche Rolle spielen in diesem Kontext internationale politische und ökonomische Bedingungen und Handlungsarenen? Mein Vortrag gibt einen Überblick über Einsichten, die sich aus der komparativen Analyse von sozialen Bewegungen und revolutionärem Regimewandel in den letzten Dekaden entnehmen lassen. Es handelt sich hierbei um kausal komplexe, interaktive Prozesse, die sich nicht auf einzelne isolierte ökonomische, politisch-strukturelle oder ideologische Faktoren reduzieren lassen, sondern spezifische Konfigurationen von Wirkungsketten beinhalten. Diese Wirkungsketten umfassen nicht nur innenpolitische und -ökonomische Aspekte, sondern auch die Globalisierung von Weltwirtschaft und -politik. Durch konkrete Applikation dieses theoretischen Rahmens lassen sich die Einsichten in diese kausale Dynamik nutzen, um die Dominanz autoritärer Regime im Mittleren Osten sowie die Virulenz von innenpolitisch orientiertem und internationalem revolutionären Terrorismus zu erklären. In diesem Zusammenhang lässt sich auch eine tentative Antwort auf die Frage suchen, ob eine Familie religiöser Doktrinen (Islam) und ihre historisch-spezifischen Interpretationsvarianten kausal verantwortlich gemacht werden können für die Dauerhaftigkeit des politischen Autoritarismus und für das Auftreten revolutionärer Gegenmobilisierung im Gewand islamischer Fundamentalismen und damit verbundener terroristischer Gewalt.
Universität Graz, Institut für Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie
und Rechtsinformatik,
Universitätsstraße 15, A - 8010 Graz, e-mail: peter.koller@kfunigraz.ac.at
Zur Person: Geb. 1947; Studium der Rechtswissenschaften (Promotion 1971)
und der Philosophie mit Nebenfach Soziologie (Promotion 1981); 1985 Habilitation
aus Rechts- und Sozialphilosophie sowie Rechtssoziologie; Gastprofessuren an
der University of Minnesota, der Rutgers University in New Jersey und der Universität
München; seit 1991 Professor für Rechtsphilosophie, Rechtstheorie
und Rechtssoziologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität
Graz.
Publikationen: Neue Theorien des Sozialkontrakts, Berlin 1987; Theorie
des Rechts. Eine Einführung, 2. Aufl., Wien 1997; Current Issues in Political
Philosophy: Justice in Society and World Order (Hg.), Wien 1997; Gerechtigkeit
im politischen Diskurs der Gegenwart (Hg.), Wien 2001; sowie zahlreiche Aufsätze
zu Themen der Rechts-und der politischen Philosophie, darunter: Menschen- und
Bürgerrechte aus ethischer Perspektive, in: Jahrbuch für Recht und
Ethik 3, 1995; Frieden und Gerechtigkeit in einer geteilten Welt, in: R. Merkel
/ R. Wittmann (Hg.), Zum ewigen Frieden. Grundlagen, Aktualität
und Aussichten einer Idee von Immanuel Kant, Frankfurt 1996; Westfälisches
System oder globale Friedensordnung?, in: Politisches Denken. Jahrbuch 2000,
Stuttgart 2000; Arbeitslosigkeit und Gerechtigkeit, in: M. Prisching (Hg.),
Ethik im Sozialstaat, Wien 2000; Soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftsordnung und
Sozialstaat, in: W. Kersting (Hg.), Politische Philosophie des Sozialstaats,
Weilerswist 2000; Die moralische Relevanz staatlicher Grenzen, in: K.G. Ballestrem
(Hg:), Internationale Gerechtigkeit, Opladen 2001.
Das Referat soll einen einführenden Überblick über die sozialen
Probleme und ethischen Herausforderungen geben, die aus dem gegenwärtig
sich mit rapider Beschleunigung vollziehenden Prozess der Globalisierung resultieren.
Dazu gehören u.a. die folgenden: die wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheiten
zwischen den Völkern, die von vielen als das Ergebnis einer unzulänglichen
und ungerechten Weltwirtschaftsordnung verstanden werden; die Gefahr neuer zwischenkultureller
Spannungen, die zu gewaltsamen Konflikten zu eskalieren drohen, weil es auf
internationaler Ebene an geeigneten Verfahren der politischen Konfliktregelung
mangelt; die Erosion der politischen Steuerungsfähigkeit der Nationalstaaten
durch die Dynamik globaler Märkte, die sich demokratischer Kontrolle entziehen;
das Beharrungsvermögen korrupter Regierungen, welche die Menschenrechte
grob verletzen und den Frieden bedrohen; die wachsenden Migrationsströme
von Menschen, die Zuflucht in den reichen Ländern suchen, um den miserablen
Lebensbedingungen in ihren Heimatländern zu entfliehen; etc. Alle diese
Probleme werden gegenwärtig zwar vielfach diskutiert, aber ein einigermaßen
tragfähiger Konsens darüber, wie sie auf eine akzeptable Weise bewältigt
werden könnten, ist nicht in Sicht. Der Beitrag will einen Versuch unternehmen,
die Bandbreite moralisch vertretbarer Lösungswege abzustecken.
Universität Wien, Institut für Philosophie
Universitätsstr. 7/3, A-1010 Wien, e-mail: Herlinde.Pauer-Studer@univie.ac.at
Zur Person: Studium der Philosophie an den Universitäten Salzburg
und Toronto (MA), Doktoratsstudium an der Universität Salzburg, Promotion
1983; seit 1998 a.o. Professorin für Philosophie an der Universität
Wien.
Publikationen (Auswahl): Das Andere der Gerechtigkeit. Moraltheorie
im Kontext der Geschlechterdifferenz, Berlin 1996; Autonom leben. Reflexionen
über Freiheit und Gleichheit, Frankfurt am Main 2000; (Hg.), Konstruktionen
praktischer Vernunft. Philosophie im Gespräch, Frankfurt am Main 2000;
zahlreiche Aufsätze zur Ethik und zur politischen Philosophie, darunter
z.B.: Liberalism, Perfectionism and Civic Virtue, in: Philosophical Explorations
IV, 3, 2001.
In der Politischen Philosophie hat sich neuerdings eine Debatte um den Gegenstandsbereich
einer Theorie der Gerechtigkeit entwickelt. Es geht um die Frage, ob Prinzipien
der Gerechtigkeit institutionenbezogen sind oder ob sich die Grundsätze
der Gerechtigkeit auch auf die Einstellungen der sich innerhalb des Rahmens
von Institutionen agierenden Personen beziehen sollten. Die Frage stellt sich,
wie weit institutionenbezogene Prinzipien nicht an moralisch relevanten Phänomenen
vorbeigehen oder umgekehrt: wie weit nicht moralisch partikulare Defizite individueller
Verhaltensweisen einer Theorie angelastet werden, die dafür nicht zuständig
sein kann. Ein ähnliches Problem ergibt sich mit Bezug auf Fragen der globalen
Ethik (im weitesten Sinn). Das Problem ist in diesem Kontext interessant, weil
institutionen-bezogene Ansätze der Gerechtigkeit sich mit zusätzlichen
Einwänden (mangelnde Legitimation in anderen politischen Hintergrundkulturen,
Missachtung kultureller Differenz) auseinandersetzen müssen. Nicht zuletzt
scheint im Fall armer Länder oft eine unmittelbare Bekämpfung der
Armut gegenüber einer politisch-moralisch anspruchsvollen Gestaltung von
Institutionen vorrangig. Insofern ziehen viele Philosophinnen und Philosophen
Konzeptionen der Gerechtigkeit, die auf einer direkteren Ebene der Kritik und
Hilfestellung ansetzen, wie das etwa der Capability Approach tut, einer an Institutionen
gebundenen Theorie der Gerechtigkeit vor.
Im Referat gehe ich der Frage nach, wie weit überhaupt ein Gegensatz zwischen
institutionenbezogenen und einstellungsbezogenen Analysen der Gerechtigkeit
besteht und welche Schlussfolgerungen sich daraus für das Projekt einer
globalen Ethik ergeben.
Columbia University, Department of Philosophy
410 Riverside Drive (143), New York, NY 10025-7988, USA, e-mail: tp6@columbia.edu
Zur Person: Studium der Soziologie an der Universität Hamburg (Diplom
in Soziologie 1977), Studium der Philosophie an der Harvard University, Dissertation
über Kant, Rawls und globale Gerechtigkeit bei John Rawls (Ph.D. 1983);
seit 1983 Professor für Philosophie an der Columbia University, New York.
Publikationen: Realizing Rawls, Ithaca - London 1989; World Poverty
and Human Rights, Polity Press 2002; Global Justice (Hg.), Blackwell 2001; zahlreiche
Aufsätze über Themen der Ethik und der politischen Philosophie, darunter
neuerdings: What We Can Reasonably Reject, in: NOÛS 2002; Can the Capability
Approach be Justified?, in: Philosophical Topics 2002; On the Site of Distributive
Justice, in: Philosophy and Public Affairs 2000; und (zusammen mit Sanjay Reddy),
How Not to Count the Poor, www.socialanalysis.org.
Pogges Forschungstätigkeit wurde in letzter Zeit unterstützt durch
die John D. and Catherine T. MacArthur Foundation, das Princeton Institute for
Advanced Study und durch das All Souls College, Oxford.
Wir Bürger der wohlhabenden Länder neigen dazu, unsere Verpflichtungen gegenüber Bedürftigen in fernen Ländern in Begriffen von Gaben und Transfers, Hilfeleistung und Umverteilung zu diskutieren: Wie viel von unserem Reichtum sollen wir, wenn überhaupt, an die Hungernden im Ausland abgeben? Dieses Problemverständnis ist ein gravierender moralischer Irrtum, der den Armen der Welt zu großem Nachteil gereicht. Es beruht auf dem - in den reichen Ländern weit verbreiteten - falschen Glauben, dass die Ursachen des Fortbestands der schlimmen Armut vieler Länder ausschließlich in diesen selber liegen. Nun gibt es sicherlich nationale und lokale Faktoren, die zur fortdauernden Armut in den Entwicklungsländern beitragen. Aber globale institutionelle Regeln spielen dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle, nicht zuletzt durch ihren Einfluss auf die nationalen und lokalen Faktoren, in denen die Bewohner der reichen Welt gewöhnlich die Gründe des Armutsproblems sehen. Da diese Regeln von unseren Regierungen in unserem Namen gestaltet werden, tragen wir moralische Verantwortung nicht nur dafür, dass wir die Armen im fernen Ausland zu wenig unterstützen, sondern viel mehr noch dafür, dass wir ihnen zu großen Schaden zufügen. Das Referat besteht aus drei Teilen: Zunächst wird (1) eine zusammenfassende Beschreibung des Weltarmutsproblems gegeben, dann (2) nach Erklärungen für den Fortbestand extremer Armut gesucht und schließlich (3) die Frage der moralischen Verantwortung für extreme Armut und ihre Vermeidung erörtert.
Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Soziologie
Universitätsstraße 15, A-8010 Graz, e-mail: manfred.prisching@kfunigraz.ac.at
Zur Person: Geb. 1950 in Bruck/Mur, Studium der Rechtswissenschaften
(Dr. jur. 1974) und der Volkswirtschaftslehre (Mag. rer. soc. oec. 1977), Universitätsassistent
an den Instituten für Rechtsphilosophie, für Volkswirtschaftslehre
und Volkswirtschaftspolitik und für Soziologie, Habilitation für Soziologie
1985, Forschungsaufenthalt an der Rijksuniversiteit Limburg, Maastricht (1987/88),
seit 1994 a.o. Univ.-Prof. am Institut für Soziologie der Universität
Graz; Gastprofessuren an den Universitäten Salzburg, Innsbruck und Linz,
Schumpeter-Gastprofessur an der Harvard University (1995/96); 1997-2001 wissenschaftlicher
Leiter der Technikum Joanneum GmbH (steirische Fachhochschulen); Auszeichnungen:
Innitzer-Preis (1985), Josef-Krainer-Forschungspreis (1994), Wilfried-Haslauer-Forschungspreis
für Zeitgeschichte (1996), Korr. Mitglied der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften.
Publikationen: Krisen. Eine soziologische Analyse, Wien-Köln-Graz
1986; Arbeitslosenprotest und Resignation in der Wirtschaftskrise, Frankfurt-New
York 1988; Soziologie. Themen, Theorien, Perspektiven, Wien-Köln-Graz 3.
Aufl. 1995; Die Sozialpartnerschaft. Modell der Vergangenheit oder Modell für
Europa?, Wien 1996; Bilder des Wohlfahrtsstaates, Marburg 1996; Die McGesellschaft,
Graz 1998; sowie zahlreiche Aufsätze über Wirtschaftstheorie und -politik,
Politik-, Kultur- und Wissenschaftssoziologie sowie über sozialwissenschaftliche
Theorie und Ideengeschichte.
Der Begriff der Globalisierung schallt von allen Podien und durchdringt alle Kommentare zum Zeitgeschehen. Ein wenig honoriger und abstrakter scheint da der Begriff der Weltgesellschaft; aber er ist nicht weniger unklar. Auf der einen Seite - in methodologischer Perspektive - wird damit eine Reorientierung der Sozialwissenschaften angesprochen oder gefordert, weil diese bislang eher in nationalstaatlichen Segmenten als Objekten ihrer Analysen gedacht hätten; angesichts aktueller Verflechtungsintensivierungen sei es, so das Argument, nunmehr angemessen, die Gesellschaft nur noch als Weltgesellschaft, nämlich als eine Gesellschaft mit internen Differenzierungen, zu denken. Auf der anderen Seite - in einer gleichsam ontologischen Perspektive - werden mit dem Begriff der Weltgesellschaft reale Veränderungen angesprochen; so scheinen manche Zeitdiagnostiker Schritte zu einer Welteinheit, letztlich gar zu einer Weltgemeinschaft oder einem Weltstaat, wahrzunehmen - ein Gebiet, auf dem sich auch trefflich alle möglichen normativen Ideen über die Gestaltung einer friedlichnachhaltigen Zukunft formulieren lassen. Im Begriff der Weltgesellschaft hat somit auch eine Reihe traditioneller Themen der Sozialwissenschaften einen neuen Fokussierungspunkt gefunden. Im Referat werden Ambivalenzen des Prozesses herausgearbeitet.
Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Finanzwissenschaft
Universitätsstraße 15, A-8010 Graz, e-mail: richard.sturn@kfunigraz.ac.at
Zur Person: Geb. 1956 in Bregenz, Studium der Volkswirtschaftslehre
in Wien,1988 Doktorat an der Universität Wien, 1995 Gastprofessur an der
University of Minnesota, USA, 1996 Habilitation, seit 1997 a.o. Univ.-Prof.
am Institut für Finanzwissenschaft in Graz; Mitglied des Editorial Board
des European Journal of the History of Economic Thought, Herausgeber
des Jahrbuchs für normative und institutionelle Grundlagen der Ökonomik.
Publikationen (Auswahl): Individualismus und Ökonomik. Modelle,
Grenzen, ideengeschichtliche Rückblenden, Marburg/Lahn 1997; Der gebührenfreie
Hochschulzugang und seine Alternativen (gem. mit G.Wohlfahrt), Wien 1999; Is
there Progress in Economics? (Hg.) Aldershot 2002; zahlreiche Aufsätze,
z.B.: Who Pays for Higher Education? A Note on the Neglected Role of Income
Taxation Progression, Finanzarchiv 57 (2000); Basic Income in Complex Worlds:
Individual Freedom and Social Interdependencies, Analyse und Kritik 22 (2000).
Gemäß Adam Smiths Theorie der Arbeitsteilung und Spezialisierung
ist die moderne Arbeitsteilung durch eine komplexitätssteigernde Eigendynamik
gekennzeichnet, die stets neue Spezialisierung und institutionelle Ausdifferenzierung
hervorbringt (kumulative Verursachung). Da die fortschreitende Spezialisierung
neue Prozesse, neue Subsidiarindustrien und Komplementärgüter ins
Leben ruft, kann man die Wirkungen der Arbeitsteilung weder innerhalb einer
repräsentativen Firma oder Industrie noch im statischen Rahmen einer Volkswirtschaft
analysieren. Dazu kommt, dass Spezialisierungsprozesse mitunter auch Bedarf
nach nichtmarktlich (also beispielsweise politisch) zu organisierenden Aktivitäten
auslösen (vgl. Adam Smiths paradigmatische Begründung staatlichen
Handlungsbedarfs hinsichtlich der Schulbildung wegen der steigenden Opportunitätskosten
der Zeit von Kindern, deren Verwendbarkeit als Arbeitskräfte aufgrund industrieller
Spezialisierungsprozesse steigt).
Die verschiedenen Typen kumulativer Spezialisierungsprozesse können auch
zu problematischen Abgrenzungen und Einseitigkeiten führen, die systematisch
Informations-, Wissens-, Einkommens- und Machtasymmetrien nach sich ziehen.
Diese können sich etwa in wachsender Verteilungsungleichheit manifestieren
oder neue Koordinationsbedarfe zur Bereitstellung öffentlicher Güter
im weitesten Sinn auslösen. Die wünschenswerten institutionellen
Reaktionen darauf werden im allgemeinen nicht spontan über unkoordiniertes
privat-dezentrales Handeln zustande kommen. Sie erfordern in jedem Fall bewusstes
kollektives Handeln, das entweder (eher optimistisch) als antizipatives Hegen
evolutorischer Prozesse (V. Vanberg) oder (eher pessimistisch) als reaktive
Dialektik in Hinblick auf krisenhafte Erscheinungen in diesen Prozessen zu denken
ist. Dieser Problemhorizont wird anhand einiger aktueller Entwicklungen illustriert.