Kartografien der Empfindung

Zwischen Emotion, Gefühl und Affekt
in Kunst, Philosophie und Wissenschaft


14. – 15. November 2008

Aula des Uni-Campus Altes AKH
Hof 1, Alserstraße 4, 1090 Wien


Motivation

In letzter Zeit haben die Empfindung und ihre molekularen Aspekte – Emotionen, Gefühle und Affekte – zu einer neuen Überschneidung künstlerischer, philosophischer und wissenschaftlicher Ansätze geführt. Diesem neuen Feld interdisziplinärer Forschung liegt dabei eine materialistische Auffassung der Beziehung zwischen geistigen und körperlichen Gegebenheiten zugrunde, der zufolge Empfindungen von Hirnvorgängen abhängen.
In der zeitgenössischen Kunst werden die Begriffe Affekt und Gefühl auf umstrittene Weise miteinander verknüpft: Indem Affekte im Kunstwerk die Gefühle der Kunstschaffenden in Einklang mit oder abweichend von diesen materialisieren, existieren sie für sich, außerhalb der erlebten persönlichen Erfahrung. Infolgedessen können Kunstwerke als Medien gesehen werden, die private Gefühle in den Bereich des öffentlichen Lebens katapultieren und so dem intimen Bereich individueller Empfindungen eine sozio-politische Dimension verleihen.
In der gegenwärtigen philosophischen Forschung wird das Problem empathischer Beziehungen zur Außenwelt mitunter durch das Begriffspaar Emotion und Affekt bestimmt. Während die Emotion auf einer persönlichen Ebene als subjektive Fixierung einer Erfahrung aufgefasst wird, hat der Affekt einen stärker objektiven Charakter, und zwar insofern, als er als selbstständige Intensität verstanden wird, d.h. als mechanische Entität, die auf eine Vielfalt von Körperteilen wirkt und bloß durch ihren positiven oder negativen Stärkegrad definiert ist. Aufgrund des komplexen Zusammenhanges der einzelnen Körperteile und deren geistiger Korrelate, kann die affektive Wirkung nicht als kausal deterministisch im Bezug zur gesamten Individualität von Mann oder Frau verstanden werden; die normativen Kodizes des Subjekts werden zugunsten der Errichtung sozialer Aggregate durch empatische Verbindungen durchbrochen.
Wie neuere wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, hat das Gefühl als subjektiver, privater Zustand in physiologischen Veränderungen, die als Emotionen erfahren werden, ein objektives neuronales Korrelat. Aufgrund dessen werden Gefühle und Emotionen trotz ihrer engen Beziehung als separate Prozesse behandelt. Emotionen werden vom Gehirn bei äußeren Reizen erzeugt und können durch die bildliche Darstellung ganz bestimmter Gehirnzentren, die an diesem Vorgang beteiligt sind, objektiv analysiert werden. Gefühle sind andererseits als mentale Repräsentationen der mit Emotionen verknüpften neuronalen Prozesse zu verstehen. In diesem Sinne sind sie privat, doch sind sie nicht subjektiver als andere geistige oder kognitive Prozesse wie z.B. Planen oder Berechnen.
Die Beschäftigung mit der Überschneidung dieser Disziplinen führt uns zu einer Reihe von Fragen, etwa den folgenden: Wie ist die Beziehung zwischen Emotion, Gefühl und Affekt tatsächlich aufzufassen? Wie ist es möglich, die Bedeutungen, welche diese Begriffe in den spezifischen Kontexten wissenschaftlicher, philosophischer und künstlerischer Ansätze haben, miteinander in Beziehung zu setzen? Wenn Affekte, wie erwähnt, als selbständige, außerhalb des Körpers existierende Phänomene darzustellen sind, ist es dann möglich, eine physiologische Beschreibung davon zu geben? Kann Affekten ein Ort in der komplexen Landschaft zugewiesen werden, die etwa durch eine Theorie der Nichtgleichgewichtsthermodynamik und deren Erkenntnisse über komplexe neuronale Muster ins Spiel gebracht wird? Wie kann die private Sphäre der Gefühle im strengen Rahmen wissenschaftlich-theoretischer Ansätze erfasst werden? Wie kommen diese unterschiedlichen Elemente der Empfindung beim Schaffen von Subjektivität zusammen und wie wirkt sich dieses Ergebnis auf den Bereich der Politik aus?

Dem Symposium geht es darum, Kartografien der Empfindung zwischen Affekt, Gefühl und Emotion zu erkunden, die sich gleicherweise auf neuere Entwicklungen in Wissenschaft, Philosophie und Kunst beziehen. In diesem Sinne ist es interdisziplinär ausgerichtet. Das Symposium wird in Form von drei Podien organisiert, an denen jeweils ein/e Künstler/in, ein/e Philosoph/in und ein/e Wissenschaftler/in beteiligt sind. Jedes Podium ist einem anderen Fragenkomplex gewidmet, der sozusagen jeweils ein bestimmtes Gelände abbildet.


Empfindung und Körper/Gehirn

Durch dieses Podium soll erkundet werden, wie Empfindungen im und durch den Körper operieren. Empfindungen erzeugen auf der Mikro- und Makroebene Beziehungen zwischen Aggregaten. Ein neurophysiologisches Beispiel einer solchen Verbindung bietet etwa die Tätigkeit der vor kurzem entdeckten Spiegelneuronen. Wie sich zeigte, werden Komplexe von Nervenzellen nicht nur durch einen unmittelbaren Reiz wie z.B. Schmerz aktiviert bzw. zum "Feuern" angeregt, sondern auch durch einen mittelbaren Reiz, d.h. dadurch, dass wir jemand anderen leiden sehen. Auch "intersubjektive" Emotionen wie z.B. Einfühlung können durch die Beobachtung des Verhaltens bestimmter neuronaler Muster besser verstanden werden. Auf diese Weise konnte gezeigt werden, dass geistige und emotionale Zustände eine materialistische physiologische Grundlage haben. Diese Voraussetzungen führen nun aber zu einer Reihe von Fragen:

  • Auf welche Weise führt die Analyse des organischen Substrats, d.h. der physiologischen Aktivität des Körpers, zu einem Verständnis davon, was Emotionen und Gefühle sind, und infolgedessen von der Art und Weise, wie Subjektivität geschaffen wird?
  • Welchen Gebrauch machen theoretische und künstlerische Ansätze jeweils von den erwähnten wissenschaftlichen Ergebnissen?
  • Haben die fraglichen Begriffe – Empfindung, Emotion, Gefühl und Affekt – im Rahmen der verschiedenen Disziplinen eine ähnliche Bedeutung?

Menschliche und nicht-menschliche Aggregate –
Politische Technologien

Bei diesem Podium wird die Rolle der Empfindung bei einer Ausweitung der natürlichen Grenzen des Körpers durch eine Schnittstelle technologischer Geräte untersucht. Dieser Vorgang trägt zur Schaffung komplexer "kybernetischer" Identitäten bei, die unsere sozialen und begrifflichen Strukturen radikal umgestalten. Dabei geht es u.a. um folgende Fragen:

  • Auf welche Weist verändert die erwähnte Beziehung unsere Vorstellung davon, was "künstlich" ist? Ist "künstlich" ein Begriff, der sich strikt auf technologische Produkte bezieht, oder kann seine Bedeutung auch auf genetische, kulturelle und soziale Bereiche ausgeweitet werden? Ist es überhaupt sinnvoll, vom "Künstlichen" im Gegensatz zum "Natürlichen" zu sprechen, oder wäre es nützlicher, die Terminologie zu ändern und z.B. das "Menschliche" vom "Nicht-Menschlichen" zu unterscheiden?
  • Unterscheiden sich diese beiden Gegensatzpaare oder sind sie in einem neuen "Mensch-Maschine-Aggregat" miteinander verflochten?
  • Wie können diese komplexen Formen von Zusammensetzungen auf der Mikro- und Makroebene anschaulich vorgestellt werden?
  • Welche politischen Konsequenzen können aus all diesen Überlegungen gezogen werden?

Das Schaffen von Schönheit

Auf diesem Podium wird Empfindung als Begegnung zwischen dem Ich und der Welt diskutiert, das Schönheit zum Ergebnis hat. Infolgedessen wird Schönheit hier weder als individuelle Fähigkeit des subjektiven Geschmacks noch als ein objektiv bestehender Sachverhalt in der Kunst aufgefasst, sondern als Autopoiesis, als selbstschöpferischer Prozess, aus dem Neues entstehen kann, wie dies auch bei einem Beweis der Fall ist, der ein Ergebnis auf überraschende Weise bestimmt. In diesem Sinne gilt, dass eine durch und mit Empfindungen operierende Ästhetik in subjektiven und sozialen Bildungs- und Wandlungsvorgängen eine zentrale Rolle spielt.
Durch eine solche Definition von "Empfindung" wird sowohl die Vorstellung von einer absolut objektiv und von subjektiven Interaktionen unabhängigen Wirklichkeit als einseitig und verkürzt zurückgewiesen als auch die eines rein individuellen Schaffens von Tatsachen. Dadurch stellen sich u.a. aber folgende Fragen:

  • Wie ist unter dieser Voraussetzung der Begriff eines "Ereignisses" als jenes bestimmenden Faktors, der zu einer wissenschaftlichen Entdeckung ebenso wie zu einer künstlerischen Hervorbringung führt, zu verstehen?
  • Wie gemeinhin angenommen wird, richtet sich das wissenschaftliche Streben vor allem auf erkenntnistheoretische Fragen, die mit "Wahrheit" zu tun haben; können diese Fragen jedoch auch auf künstlerische Ansätze angewendet werden?
  • Können wir ein und denselben Begriff der Schönheit verwenden, um wissenschaftliche, philosophische und künstlerische Ansätze zu betrachten, oder müssen wir mehrere Arten des Schönen unterscheiden?

Konzept: Claudia Mongini