In letzter Zeit haben die Empfindung
und ihre molekularen Aspekte – Emotionen, Gefühle und Affekte – zu
einer neuen Überschneidung künstlerischer, philosophischer
und wissenschaftlicher Ansätze geführt. Diesem neuen Feld
interdisziplinärer Forschung liegt dabei eine materialistische
Auffassung der Beziehung zwischen geistigen und körperlichen
Gegebenheiten zugrunde, der zufolge Empfindungen von Hirnvorgängen
abhängen.
In der zeitgenössischen Kunst werden die Begriffe Affekt und
Gefühl auf umstrittene Weise miteinander verknüpft: Indem
Affekte im Kunstwerk die Gefühle der Kunstschaffenden in Einklang
mit oder abweichend von diesen materialisieren, existieren sie für
sich, außerhalb der erlebten persönlichen Erfahrung.
Infolgedessen können Kunstwerke als Medien gesehen werden, die
private Gefühle in den Bereich des öffentlichen Lebens
katapultieren und so dem intimen Bereich individueller Empfindungen
eine sozio-politische Dimension verleihen.
In der gegenwärtigen philosophischen Forschung wird das Problem
empathischer Beziehungen zur Außenwelt mitunter durch das
Begriffspaar Emotion und Affekt bestimmt. Während die Emotion auf
einer persönlichen Ebene als subjektive Fixierung einer Erfahrung
aufgefasst wird, hat der Affekt einen stärker objektiven
Charakter, und zwar insofern, als er als selbstständige
Intensität verstanden wird, d.h. als mechanische Entität, die
auf eine Vielfalt von Körperteilen wirkt und bloß durch
ihren positiven oder negativen Stärkegrad definiert ist. Aufgrund
des komplexen Zusammenhanges der einzelnen Körperteile und deren
geistiger Korrelate, kann die affektive Wirkung nicht als kausal
deterministisch im Bezug zur gesamten Individualität von Mann oder
Frau verstanden werden; die normativen Kodizes des Subjekts werden
zugunsten der Errichtung sozialer Aggregate durch empatische
Verbindungen durchbrochen.
Wie neuere wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, hat das
Gefühl als subjektiver, privater Zustand in physiologischen
Veränderungen, die als Emotionen erfahren werden, ein objektives
neuronales Korrelat. Aufgrund dessen werden Gefühle und Emotionen
trotz ihrer engen Beziehung als separate Prozesse behandelt. Emotionen
werden vom Gehirn bei äußeren Reizen erzeugt und können
durch die bildliche Darstellung ganz bestimmter Gehirnzentren, die an
diesem Vorgang beteiligt sind, objektiv analysiert werden. Gefühle
sind andererseits als mentale Repräsentationen der mit Emotionen
verknüpften neuronalen Prozesse zu verstehen. In diesem Sinne sind
sie privat, doch sind sie nicht subjektiver als andere geistige oder
kognitive Prozesse wie z.B. Planen oder Berechnen.
Die Beschäftigung mit der Überschneidung dieser Disziplinen
führt uns zu einer Reihe von Fragen, etwa den folgenden: Wie ist
die Beziehung zwischen Emotion, Gefühl und Affekt tatsächlich
aufzufassen? Wie ist es möglich, die Bedeutungen, welche diese
Begriffe in den spezifischen Kontexten wissenschaftlicher,
philosophischer und künstlerischer Ansätze haben, miteinander
in Beziehung zu setzen? Wenn Affekte, wie erwähnt, als
selbständige, außerhalb des Körpers existierende
Phänomene darzustellen sind, ist es dann möglich, eine
physiologische Beschreibung davon zu geben? Kann Affekten ein Ort in
der komplexen Landschaft zugewiesen werden, die etwa durch eine Theorie
der Nichtgleichgewichtsthermodynamik und deren Erkenntnisse über
komplexe neuronale Muster ins Spiel gebracht wird? Wie kann die private
Sphäre der Gefühle im strengen Rahmen
wissenschaftlich-theoretischer Ansätze erfasst werden? Wie kommen
diese unterschiedlichen Elemente der Empfindung beim Schaffen von
Subjektivität zusammen und wie wirkt sich dieses Ergebnis auf den
Bereich der Politik aus?
Dem Symposium geht es darum, Kartografien der Empfindung zwischen
Affekt, Gefühl und Emotion zu erkunden, die sich gleicherweise auf
neuere Entwicklungen in Wissenschaft, Philosophie und Kunst beziehen.
In diesem Sinne ist es interdisziplinär ausgerichtet. Das
Symposium wird in Form von drei Podien organisiert, an denen jeweils
ein/e Künstler/in, ein/e Philosoph/in und ein/e Wissenschaftler/in
beteiligt sind. Jedes Podium ist einem anderen Fragenkomplex gewidmet,
der sozusagen jeweils ein bestimmtes Gelände abbildet.
Empfindung
und Körper/Gehirn
Durch dieses Podium soll erkundet werden, wie Empfindungen im und durch
den Körper operieren. Empfindungen erzeugen auf der Mikro- und
Makroebene Beziehungen zwischen Aggregaten. Ein neurophysiologisches
Beispiel einer solchen Verbindung bietet etwa die Tätigkeit der
vor kurzem entdeckten Spiegelneuronen. Wie sich zeigte, werden Komplexe
von Nervenzellen nicht nur durch einen unmittelbaren Reiz wie z.B.
Schmerz aktiviert bzw. zum "Feuern" angeregt, sondern auch durch einen
mittelbaren Reiz, d.h. dadurch, dass wir jemand anderen leiden sehen.
Auch "intersubjektive" Emotionen wie z.B. Einfühlung können
durch die Beobachtung des Verhaltens bestimmter neuronaler Muster
besser verstanden werden. Auf diese Weise konnte gezeigt werden, dass
geistige und emotionale Zustände eine materialistische
physiologische Grundlage haben. Diese Voraussetzungen führen nun
aber zu einer Reihe von Fragen:
- Auf welche Weise führt die Analyse des organischen
Substrats, d.h. der physiologischen Aktivität des Körpers, zu
einem Verständnis davon, was Emotionen und Gefühle sind, und
infolgedessen von der Art und Weise, wie Subjektivität geschaffen
wird?
- Welchen Gebrauch machen theoretische und künstlerische
Ansätze jeweils von den erwähnten wissenschaftlichen
Ergebnissen?
- Haben die fraglichen Begriffe – Empfindung, Emotion, Gefühl
und Affekt – im Rahmen der verschiedenen Disziplinen eine ähnliche
Bedeutung?
Menschliche
und nicht-menschliche Aggregate –
Politische Technologien
Bei diesem Podium wird die Rolle der Empfindung bei einer Ausweitung
der natürlichen Grenzen des Körpers durch eine Schnittstelle
technologischer Geräte untersucht. Dieser Vorgang trägt zur
Schaffung komplexer "kybernetischer" Identitäten bei, die unsere
sozialen und begrifflichen Strukturen radikal umgestalten. Dabei geht
es u.a. um folgende Fragen:
- Auf welche Weist verändert die erwähnte Beziehung
unsere Vorstellung davon, was "künstlich" ist? Ist
"künstlich" ein Begriff, der sich strikt auf technologische
Produkte bezieht, oder kann seine Bedeutung auch auf genetische,
kulturelle und soziale Bereiche ausgeweitet werden? Ist es
überhaupt sinnvoll, vom "Künstlichen" im Gegensatz zum
"Natürlichen" zu sprechen, oder wäre es nützlicher, die
Terminologie zu ändern und z.B. das "Menschliche" vom
"Nicht-Menschlichen" zu unterscheiden?
- Unterscheiden sich diese beiden Gegensatzpaare oder sind sie in
einem neuen "Mensch-Maschine-Aggregat" miteinander verflochten?
- Wie können diese komplexen Formen von Zusammensetzungen auf
der Mikro- und Makroebene anschaulich vorgestellt werden?
- Welche politischen Konsequenzen können aus all diesen
Überlegungen gezogen werden?
Das
Schaffen von Schönheit
Auf diesem Podium wird Empfindung als Begegnung zwischen dem Ich und
der Welt diskutiert, das Schönheit zum Ergebnis hat. Infolgedessen
wird Schönheit hier weder als individuelle Fähigkeit des
subjektiven Geschmacks noch als ein objektiv bestehender Sachverhalt in
der Kunst aufgefasst, sondern als Autopoiesis, als
selbstschöpferischer Prozess, aus dem Neues entstehen kann, wie
dies auch bei einem Beweis der Fall ist, der ein Ergebnis auf
überraschende Weise bestimmt. In diesem Sinne gilt, dass eine
durch und mit Empfindungen operierende Ästhetik in subjektiven und
sozialen Bildungs- und Wandlungsvorgängen eine zentrale Rolle
spielt.
Durch eine solche Definition von "Empfindung" wird sowohl die
Vorstellung von einer absolut objektiv und von subjektiven
Interaktionen unabhängigen Wirklichkeit als einseitig und
verkürzt zurückgewiesen als auch die eines rein individuellen
Schaffens von Tatsachen. Dadurch stellen sich u.a. aber folgende Fragen:
- Wie ist unter dieser Voraussetzung der Begriff eines
"Ereignisses" als jenes bestimmenden Faktors, der zu einer
wissenschaftlichen Entdeckung ebenso wie zu einer künstlerischen
Hervorbringung führt, zu verstehen?
- Wie gemeinhin angenommen wird, richtet sich das wissenschaftliche
Streben vor allem auf erkenntnistheoretische Fragen, die mit "Wahrheit"
zu tun haben; können diese Fragen jedoch auch auf
künstlerische Ansätze angewendet werden?
- Können wir ein und denselben Begriff der Schönheit
verwenden, um wissenschaftliche, philosophische und künstlerische
Ansätze zu betrachten, oder müssen wir mehrere Arten des
Schönen unterscheiden?
Konzept: Claudia Mongini