Innovation – Kunst – Technik
Der Mensch: ein kreatives Wesen?
 

Symposium der Arbeitsgemeinschaft "Topologien des Menschlichen"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft

1. - 2. Dezember 2006

Clara-Wieck-Schumann Saal, Universität für Musik und Darstellende Kunst
Anton von Webern Platz 1, 1030 Wien

Anmeldung
Anmeldung

Freitag, 1. Dezember, 9.00-18.45

9.00 Uhr Begrüßung / Einleitung
HEINRICH SCHMIDINGER, Salzburg

Innovation

Innovation und Kreativität in der Musik am Beispiel Bachs und Mozarts
Christoph WOLFF, Cambridge/MA

Diskussion
Kaffeepause

11.00 Uhr

Kreativität im Spannungsfeld von Chaos, Sinnstiftung und Kultur: Psychologische Beiträge
Siegfried PREISER, Frankfurt

Die Ökonomisierung des Selbst in der modernen Wirtschaft und ihrer Wissenschaft
Manfred MOLDASCHL, Chemnitz

Diskussion
Mittagspause

14.30 Uhr

Kunst

Das Neue und das Andere. Der Mensch als homo creator und animal symbolicum
Oswald SCHWEMMER, Berlin

Diskussion
Kaffeepause

16.15 Uhr

Konkurrenz als kreatives Prinzip in der bildenden Kunst
Renate PROCHNO, Salzburg

Der unendliche Gebrauch endlicher Mittel: Erklärungen sprachlicher Kreativität als Merkmal des Menschen
Gerda HASSLER, Potsdam

Diskussion

Samstag, 2. Dezember, 9.00 – 13.30

Technik

Homo faber: Die Macht des Machens
Günter ROPOHL, Frankfurt

Determinanten innovativen Verhaltens bei nicht-menschlichen Primaten
Judith BURKART, Zürich

Diskussion
Kaffeepause

Intuition und mathematische Erkenntnis
Rudolf TASCHNER, Wien

Diskussion

Pro Referat sind 45 Min, pro Diskussion eines Vortrages 30 Min. vorgesehen

Die Referenten

Dr. Judith BURKART, Anthropologisches Institut, Universität Zürich
Univ.Prof. Dr. Gerda HASSLER, Institut für Romanistik, Universität Potsdam
Univ.Prof. Dr. Manfred MOLDASCHL, Professur für Innovationsforschung und nachhaltiges Ressourcenmanagement, Technische Universität Chemnitz
Univ.Prof. Dr. Siegfried PREISER, Institut für Pädagogische Psychologie, Universität Frankfurt
Univ.Prof. Dr. Renate PROCHNO, Fachbereich Kunst-, Musik- u. Tanzwissenschaft, Universität Salzburg
Univ.Prof. Günter ROPOHL, Institut für Polytechnik/Arbeitslehre, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Universität Frankfurt
Univ.Prof. Dr. Heinrich SCHMIDINGER, Philosophisches Institut der Theologischen Fakultät, Universität Salzburg; Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Topologien des Menschlichen“
Univ.Prof. Dr. Oswald SCHWEMMER, Institut für Philosophie, Humbold Universität Berlin
Univ.Prof. Dr. Rudolf TASCHNER, Institut für Analysis und Scientific Computing, Technische Universität Wien
Univ.Prof. Dr. Christoph WOLFF, Department of Musik, Harvard University, Cambridge/MA

Motivation

Die heurige Tagung der Reihe „Topologien des Menschlichen“ befasst sich mit dem klassischen Topos vom Menschen als dem schöpferischen Wesen. Sie steht unter dem Titel „Innovation – Kunst – Technik. Der Mensch – ein kreatives Wesen?“ Hinter diesen Schlüsselbegriffen steht die Überzeugung, dass sich die schöpferische Kraft des Menschen in technischer und künstlerischer Hinsicht manifestiert. Der Mensch ist fähig, Neues zu schaffen und diese Gabe zur Innovation ist anthropologisch relevant, kann zur Charakterisierung des Menschen herangezogen werden. Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat die Fähigkeit, einen Neuanfang zu setzen, als entscheidendes Merkmal des Menschen benannt.
Was ist ein schöpferischer Akt und was macht den Menschen zu einem kreativen Wesen? Zunächst kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Geschichte der Menschheit auch als Geschichte der Innovationen, Entdeckungen und Erfindungen geschrieben werden kann. Es ist kaum zu leugnen, dass sich Menschen durch die Fähigkeiten, Neues zu schaffen, auszeichnen. Kreativität tritt in vielen Bereichen des Menschlichen in zentraler Gestalt auf – an erster Stelle darf im Mozartjahr 2006 die Musik genannt werden, wobei gerade Mozart für den Inbegriff des nicht kalkulierbaren Genius steht. Kreativität ist nicht nur in der Kunst, sondern auch in Management und Denken gefragt, in Sprachbenützung und Technik. Dabei ist die Fähigkeit des Schaffens nicht gleichzusetzen mit dem „Erzeugen“ von etwas. Boris Pasternak hat in einem berühmten Wort darauf hingewiesen, dass das Ziel des Schaffens darin liege, „sich selbst zu geben“. Durch schöpferische Akte geht der Mensch über sich hinaus, in einem schöpferischen Akt macht ein Mensch eine Aussage darüber, wer er ist und was er sein möchte. Die Handlung des Schaffens ist ein expressiver Akt. Kreativ zu sein heißt, etwas Neues zu machen – und zwar aufgrund einer Absicht, nicht aufgrund schieren Zufalls, auch wenn das Moment des Unverfügbaren und Unberechenbaren im Schöpferischen nicht von der Hand zu weisen ist.
Der Kernbegriff von Kreativität verweist auf die Fähigkeit, Ideen oder Artefakte hervorzubringen, die sowohl neu als auch positiv zu bewerten sind. Immanuel Kant hat bekanntlich Kunst von Wissenschaft und Handwerk geschieden und den künstlerischen Akt einerseits mit Fähigkeiten, andererseits mit dem Moment des Nichtregelhaften verbunden Dieser Aspekt der Durchbrechung von Regeln, der Freiheit voraussetzt, ist für Theorien des Neuen von besonderer Bedeutung. Kreativität transformiert, durchbricht Regeln. Sprachliche Innovation, wissenschaftliche Revolution, neue Denkweisen haben mit der Durchbrechung von Regeln zu tun. Solche „disruptio“ hat auch eine soziale Dimension, wie Thomas Kuhns diskussionswürdige Überlegungen über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen gezeigt haben.
Auf der anderen Seite ist ein Bemühen festzustellen, Regeln für Kreativität selbst anzugeben. In diesem Zusammenhang werden Aspekte von „Lernen“ und harter Arbeit“ im Rahmen des schöpferischen Aktes betont. Howard Gardner hat in seinem einflussreichen Werk Creative Minds (New York 1993) Selbstbewusstsein und Motivation, Hartnäckigkeit und Hingabe, harte Arbeit und Energie als entscheidend für das kreative Schaffen hervorgehoben. Dies findet sich in Sternbergs Handbook of Creativity (New York 1999) bestätigt. Kunst und Technik sind ebenso miteinander verbunden wie Innovation und Lernen. In Managementtheorien und der Ökonomie finden sich Strategien der Kreativität, um wirtschaftliche Gelegenheiten erzeugen, erkennen und nützen zu können. Biologische und psychologische Expertise werden für diese Steuerbarkeit kreativen Potentials herangezogen.
Die angedeutete Grundbedeutung von Kreativität weist eine Verbindung zu einer religiösen Dimension auf – in der Religionsgeschichte findet man das Motiv, dass das Schöpferische aufgrund von Inspiration wirkt, dass das Schöpferische als Teilhabe am göttlichen Schöpfungsakt zu verstehen ist, dass die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in den schöpferischen Fähigkeiten des Menschen ausgedrückt wird. Dieser Gedanke ist geistesgeschichtlich bedeutsam geworden.
In diesem Zusammenhang stellen sich viele Fragen: Ist Kreativität lehr- und lernbar? Gibt es eine spezifisch menschliche Kreativität? Unterscheiden sich Menschen kulturell und psychologisch in der Hervorbringung kreativer Leistungen? Kann eine biologische oder neuronale Grundlage für Kreativität identifiziert werden? Wie verhalten sich im kreativen Akt bewusste und nichtbewusste Faktoren zueinander? Können wir sauber zwischen „erfinden“ und „entdecken“ unterscheiden? Sind kreative Wesen immer kreativ? Welche Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass etwas als „neu“ gelten darf? Was begünstigt Innovation? Vor allem: Kann man den Menschen als „kreatives Wesen“ treffend charakterisieren? Und was bedeutet diese Charakterisierung am Anfang des 21. Jahrhunderts?
Diese Fragen sind angesichts der Entwicklungen der Informationstechnologien, der Fortschritte der Kreativitätsforschung und der Einsichten in die biologischen Grundlagen von Sprache und Spracherwerb durchaus brisant. Einsichten und Anfragen, Antworten und Anregungen aus Musiktheorie und Psychologie, Philosophie und Ökonomie, Kunst und Sprachtheorie, Technik und Mathematik sollen bei dieser fünften Tagung zu den Topologien des Menschlichen zusammengetragen werden. Es steht zu hoffen, dass nicht nur Form und Stoff für rege Diskussion bereitgestellt, sondern auch Fortschritte in diesen Fragen erzielt werden können.

Reihe „Topologien des Menschlichen“

Absicht der Tagungsreihe „Topologien des Menschlichen“ ist es, eine transdiziplinäre Verständigung darüber herzustellen, was sich unter den Bedingungen des gegenwärtigen Wissens an grundlegenden Aussagen über den Menschen machen lässt. Den Anlass dazu bietet nicht nur der Umstand, dass die Frage nach dem Selbstverständnis, das der Mensch von sich hat, immer aktuell und jederzeit von ausschlaggebender Relevanz ist, sondern mehr noch die Tatsache, dass die heutige transdisziplinäre Verständigung über das, was den Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich aber immer dringlicher wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand den Traum von einer umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Menschen in sich integrieren und so etwas wie eine umfassende Übertheorie bilden könnte, die sich jenseits der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ansiedelte, eine neue Philosophie nach altem Muster sozusagen, die sich ohne Rücksicht auf die Fortschritte der diversen Wissenschaften entfaltete. Dazu haben sich die wissenschaftlichen Disziplinen viel zu stark differenziert. Auf der anderen Seite kann es aber nicht bei diesem Fazit bleiben, denn die ständig neuen Erkenntnisse, die sich in den einzelnen Disziplinen – was ihre konkreten Inhalte, das Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade ihrer Bedeutung betrifft – in sehr unterschiedlicher Weise einstellen, erhalten früher oder später zwangsläufig an transdisziplinärer Relevanz, müssen also zueinander in Beziehung gesetzt werden.

In den vergangenen Jahren wurde die traditionelle Rede vom Menschen als „animal rationale“ (unter dem Titel „Vernunft – Kognition – Intelligenz. Der Mensch – ein animal rationale?“), als einem „freien Wesen“ (Tagungstitel: „Autonomie – Personalität – Verantwortung. Der Mensch – ein freies Wesen?“), als „zoon politikon“ (Stichwörter: „Gemeinschaft-Öffentlichkeit-Macht“) und als „animal symbolicum“ (Sprache-Dialog-Ritual) diskutiert.


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