1. - 2. Dezember 2006
Die heurige Tagung der Reihe
„Topologien des Menschlichen“ befasst sich mit dem klassischen Topos
vom Menschen als dem schöpferischen Wesen. Sie steht unter dem
Titel „Innovation – Kunst – Technik. Der Mensch – ein kreatives Wesen?“
Hinter diesen Schlüsselbegriffen steht die Überzeugung, dass
sich die schöpferische Kraft des Menschen in technischer und
künstlerischer Hinsicht manifestiert. Der Mensch ist fähig,
Neues zu schaffen und diese Gabe zur Innovation ist anthropologisch
relevant, kann zur Charakterisierung des Menschen herangezogen werden.
Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat die Fähigkeit,
einen Neuanfang zu setzen, als entscheidendes Merkmal des Menschen
benannt.
Was ist ein schöpferischer Akt und was macht den Menschen zu einem
kreativen Wesen? Zunächst kann kein Zweifel darüber bestehen,
dass die Geschichte der Menschheit auch als Geschichte der
Innovationen, Entdeckungen und Erfindungen geschrieben werden kann. Es
ist kaum zu leugnen, dass sich Menschen durch die Fähigkeiten,
Neues zu schaffen, auszeichnen. Kreativität tritt in vielen
Bereichen des Menschlichen in zentraler Gestalt auf – an erster Stelle
darf im Mozartjahr 2006 die Musik genannt werden, wobei gerade Mozart
für den Inbegriff des nicht kalkulierbaren Genius steht.
Kreativität ist nicht nur in der Kunst, sondern auch in Management
und Denken gefragt, in Sprachbenützung und Technik. Dabei ist die
Fähigkeit des Schaffens nicht gleichzusetzen mit dem „Erzeugen“
von etwas. Boris Pasternak hat in einem berühmten Wort darauf
hingewiesen, dass das Ziel des Schaffens darin liege, „sich selbst zu
geben“. Durch schöpferische Akte geht der Mensch über sich
hinaus, in einem schöpferischen Akt macht ein Mensch eine Aussage
darüber, wer er ist und was er sein möchte. Die Handlung des
Schaffens ist ein expressiver Akt. Kreativ zu sein heißt, etwas
Neues zu machen – und zwar aufgrund einer Absicht, nicht aufgrund
schieren Zufalls, auch wenn das Moment des Unverfügbaren und
Unberechenbaren im Schöpferischen nicht von der Hand zu weisen
ist.
Der Kernbegriff von Kreativität verweist auf die Fähigkeit,
Ideen oder Artefakte hervorzubringen, die sowohl neu als auch positiv
zu bewerten sind. Immanuel Kant hat bekanntlich Kunst von Wissenschaft
und Handwerk geschieden und den künstlerischen Akt einerseits mit
Fähigkeiten, andererseits mit dem Moment des Nichtregelhaften
verbunden Dieser Aspekt der Durchbrechung von Regeln, der Freiheit
voraussetzt, ist für Theorien des Neuen von besonderer Bedeutung.
Kreativität transformiert, durchbricht Regeln. Sprachliche
Innovation, wissenschaftliche Revolution, neue Denkweisen haben mit der
Durchbrechung von Regeln zu tun. Solche „disruptio“ hat auch eine
soziale Dimension, wie Thomas Kuhns diskussionswürdige
Überlegungen über die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen gezeigt haben.
Auf der anderen Seite ist ein Bemühen festzustellen, Regeln
für Kreativität selbst anzugeben. In diesem Zusammenhang
werden Aspekte von „Lernen“ und harter Arbeit“ im Rahmen des
schöpferischen Aktes betont. Howard Gardner hat in seinem
einflussreichen Werk Creative Minds (New York 1993) Selbstbewusstsein
und Motivation, Hartnäckigkeit und Hingabe, harte Arbeit und
Energie als entscheidend für das kreative Schaffen hervorgehoben.
Dies findet sich in Sternbergs Handbook of Creativity (New York 1999)
bestätigt. Kunst und Technik sind ebenso miteinander verbunden wie
Innovation und Lernen. In Managementtheorien und der Ökonomie
finden sich Strategien der Kreativität, um wirtschaftliche
Gelegenheiten erzeugen, erkennen und nützen zu können.
Biologische und psychologische Expertise werden für diese
Steuerbarkeit kreativen Potentials herangezogen.
Die angedeutete Grundbedeutung von Kreativität weist eine
Verbindung zu einer religiösen Dimension auf – in der
Religionsgeschichte findet man das Motiv, dass das Schöpferische
aufgrund von Inspiration wirkt, dass das Schöpferische als
Teilhabe am göttlichen Schöpfungsakt zu verstehen ist, dass
die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in den schöpferischen
Fähigkeiten des Menschen ausgedrückt wird. Dieser Gedanke ist
geistesgeschichtlich bedeutsam geworden.
In diesem Zusammenhang stellen sich viele Fragen: Ist Kreativität
lehr- und lernbar? Gibt es eine spezifisch menschliche
Kreativität? Unterscheiden sich Menschen kulturell und
psychologisch in der Hervorbringung kreativer Leistungen? Kann eine
biologische oder neuronale Grundlage für Kreativität
identifiziert werden? Wie verhalten sich im kreativen Akt bewusste und
nichtbewusste Faktoren zueinander? Können wir sauber zwischen
„erfinden“ und „entdecken“ unterscheiden? Sind kreative Wesen immer
kreativ? Welche Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass etwas
als „neu“ gelten darf? Was begünstigt Innovation? Vor allem: Kann
man den Menschen als „kreatives Wesen“ treffend charakterisieren? Und
was bedeutet diese Charakterisierung am Anfang des 21. Jahrhunderts?
Diese Fragen sind angesichts der Entwicklungen der
Informationstechnologien, der Fortschritte der
Kreativitätsforschung und der Einsichten in die biologischen
Grundlagen von Sprache und Spracherwerb durchaus brisant. Einsichten
und Anfragen, Antworten und Anregungen aus Musiktheorie und
Psychologie, Philosophie und Ökonomie, Kunst und Sprachtheorie,
Technik und Mathematik sollen bei dieser fünften Tagung zu den
Topologien des Menschlichen zusammengetragen werden. Es steht zu
hoffen, dass nicht nur Form und Stoff für rege Diskussion
bereitgestellt, sondern auch Fortschritte in diesen Fragen erzielt
werden können.
Reihe
„Topologien des Menschlichen“
Absicht der Tagungsreihe „Topologien des Menschlichen“ ist es, eine
transdiziplinäre Verständigung darüber herzustellen, was
sich unter den Bedingungen des gegenwärtigen Wissens an
grundlegenden Aussagen über den Menschen machen lässt. Den
Anlass dazu bietet nicht nur der Umstand, dass die Frage nach dem
Selbstverständnis, das der Mensch von sich hat, immer aktuell und
jederzeit von ausschlaggebender Relevanz ist, sondern mehr noch die
Tatsache, dass die heutige transdisziplinäre Verständigung
über das, was den Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich
aber immer dringlicher wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand
den Traum von einer umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle
wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Menschen in sich
integrieren und so etwas wie eine umfassende Übertheorie bilden
könnte, die sich jenseits der einzelwissenschaftlichen
Erkenntnisse ansiedelte, eine neue Philosophie nach altem Muster
sozusagen, die sich ohne Rücksicht auf die Fortschritte der
diversen Wissenschaften entfaltete. Dazu haben sich die
wissenschaftlichen Disziplinen viel zu stark differenziert. Auf der
anderen Seite kann es aber nicht bei diesem Fazit bleiben, denn die
ständig neuen Erkenntnisse, die sich in den einzelnen Disziplinen
– was ihre konkreten Inhalte, das Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade
ihrer Bedeutung betrifft – in sehr unterschiedlicher Weise einstellen,
erhalten früher oder später zwangsläufig an
transdisziplinärer Relevanz, müssen also zueinander in
Beziehung gesetzt werden.
In den vergangenen Jahren wurde die traditionelle Rede vom Menschen als
„animal rationale“ (unter dem Titel „Vernunft – Kognition –
Intelligenz. Der Mensch – ein animal rationale?“), als einem „freien
Wesen“ (Tagungstitel: „Autonomie – Personalität – Verantwortung.
Der Mensch – ein freies Wesen?“), als „zoon politikon“
(Stichwörter: „Gemeinschaft-Öffentlichkeit-Macht“) und als
„animal symbolicum“ (Sprache-Dialog-Ritual) diskutiert.