Endlichkeit – Kompensation – Entwicklung
Der Mensch: ein Mängelwesen?
Symposium der
Arbeitsgemeinschaft "Topologien des Menschlichen"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft
14. - 15. Dezember
2007
Aula des Uni-Campus
Altes AKH
Hof 1, Alserstraße 4, 1090 Wien
Anmeldung

Freitag,
14. Dezember, 9.00-18.45
9.00 Uhr Begrüßung / Einleitung
HEINRICH SCHMIDINGER, Salzburg
Endlichkeit – Grenzen –
Marginalisierung
Jan ASSMANN (Chicago/Heidelberg)
Der Mensch - das Tier, das zu viel weiß. Kultur als Kompensation
der Endlichkeit
Diskussion
Kaffeepause
11.00 Uhr
Robert SCHREITER (Chicago)
Religion als Kompensation? Zur Bewältigung vom Leiden, Risiko und
Gewalt
Diskussion
Martin KRONAUER (Berlin)
Mängelwesen ohne Schutz. Zur Anthropologie von Marginalität
und Ausgrenzung
Diskussion
Mittagspause
14.30 Uhr
Verwirklichung – Kompensation –
Widerstand
Susan NEIMAN (Princeton/Potsdam)
Keine Mängel!
Diskussion
Kaffeepause
16.15 Uhr
Otfried HÖFFE (Tübingen)
Besonnenheit und Gelassenheit. Zur Lebensklugheit eines endlichen
Vernunftwesens
Diskussion
Elisabeth von SAMSONOW (Wien)
Die Rolle der Kunst als kulturelles Steuerelement der Evolution.
Ältere und zeitgenössische Konzepte der Kunstanthropologie
Diskussion
Samstag,
15. Dezember 2007, 9.00 – 13.30
Offenheit – Entwicklung –
Perfektionierung
Hermann LANG (Würzburg)
Psychologie des menschlichen Umgangs mit Mängeln: Hemmschuh oder
Antrieb?
Diskussion
Kaffeepause
Eve-Marie ENGELS (Tübingen)
Der Mensch, ein Mängelwesen? Anthropologische und ethische
Überlegungen im Kontext von Biotechniken
Diskussion
Kurt KOTRSCHAL (Wien/Grünau)
Angepasst woran? Das “Mängelwesen” Mensch als
Überlebenskünstler
Diskussion
Pro Referat sind 45 Min, pro Diskussion eines Vortrages 30 Min.
vorgesehen
Die
Referenten
Univ.Prof. Dr. Jan ASSMANN, Ägyptologisches Institut,
Universität Heidelberg
Univ.Prof. Dr. Eve-Marie ENGELS, Lehrstuhl für Ethik in den
Biowissenschaften, Universität Tübingen
Univ.Prof. Dr. Otfried HÖFFE, Philosophisches Seminar,
Universität Tübingen
Univ.Prof. Dr. Martin KRONAUER, The Global Labour University, Berlin
School of Economics
Univ.Prof. Dr. Kurt KOTRSCHAL, Leiter der Konrad
Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie der Universität Wien in
Grünau
Univ.Prof. Dr. Hermann LANG, Institut für Psychotherapie und
Medizinische Psychologie, Universität Würzburg
Univ.Prof. Dr. Susan NEIMAN, Einstein Forum Potsdam / University of
Princeton
Univ.Prof. Dr. Elisabeth von SAMSONOW, Ordinariat für
philosophische und historische Anthropologie der Kunst, Akademie der
Bildenden Künste Wien
Univ.Prof. Dr. Heinrich SCHMIDINGER, Fachbereich Philosophie der
Katholisch-Theologischen Fakultät, Universität Salzburg
Univ.Prof. Dr. Robert SCHREITER, Graduate School of Theology an
Ministery, Catholic Theological Union, Chicago
Motivation
Absicht der Tagungs- und Buchreihe
„Topologien des Menschlichen“ ist es, eine transdiziplinäre
Verständigung darüber herzustellen, was sich unter den
Bedingungen des gegenwärtigen Wissens an grundlegenden Aussagen
über den Menschen machen lässt. Den Anlass dazu bietet nicht
nur der Umstand, dass die Frage nach dem Selbstverständnis des
Menschen immer aktuell und jederzeit von ausschlaggebender Relevanz
ist, sondern mehr noch die Tatsache, dass die heutige
transdisziplinäre Verständigung darüber, was den
Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich aber immer dringlicher
wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand den Traum von einer
umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle wissenschaftlichen
Erkenntnisse über den Menschen in sich integrieren und so etwas
wie eine umfassende Übertheorie bilden könnte, die sich
jenseits der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ansiedelte, eine
neue Philosophie nach altem Muster sozusagen, die sich ohne
Rücksicht auf die Fortschritte der diversen Wissenschaften
entfaltete. Dazu haben sich die wissenschaftlichen Disziplinen viel zu
stark differenziert. Auf der anderen Seite kann es aber nicht bei
diesem Fazit bleiben, denn die ständig neuen Erkenntnisse, die
sich in den einzelnen Disziplinen – was ihre konkreten Inhalte, das
Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade ihrer Bedeutung betrifft – in
sehr unterschiedlicher Weise einstellen, erhalten früher oder
später zwangsläufig an transdisziplinärer Relevanz,
müssen also zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Die Rede vom Menschen als einem Mängelwesen ist mit der Rede von
Kompensationsverhalten und Entlastungsstrategien verbunden – und damit
sowohl mit psychologischen Dynamiken wie auch mit technologischen
Entwicklungen. Die diesjährige Tagung zum Menschen als einem
Mängelwesen steht damit in enger Verbindung mit den
vorhergegangenen Tagungen zu Vernunftbegabung, Freiheit und
Symbolkompetenz. Die Rede vom Menschen als einem Mängelwesen
hängt dem entsprechend mit vielen Diskursen zusammen und ist nicht
eindeutig lokalisierbar: Auch wenn der klassische Ort dieser Rede vom
Mängelwesen bei Arnold Gehlen zu finden ist, der den Menschen als
unperfekt, sinnesarm und in seinen Instinkten verunsichert gezeichnet
hat, so reichen Tiefenschichten dieser Überlegungen in die
Anfänge der Geistesgeschichte zurück: Der Mensch ist endlich
und begrenzt, bemüht Widerstände zu überwinden und
Potentiale zu realisieren und ist daher auch auf Entwicklungen hin
offen. Diese Überzeugungen prägen die klassische griechische
Philosophie, besonders das aristotelische Menschenbild.
Die Tagung wird diesen Aspekten nachgehen und den Menschen erstens in
seiner Endlichkeit und Begrenztheit und seiner Fähigkeit, Grenzen
zu erzeugen und mit Grenzen umzugehen, zeigen; zweitens die Frage nach
der Kompensationskraft und der Fähigkeit, mit Widerstand
umzugehen, stellen; drittens das Menschsein in seiner Offenheit hin auf
Entwicklung und Entfaltung, ja Perfektionierung interpretieren.
„Endlichkeit/ Grenzen/ Marginalisierung“,
„Verwirklichung/ Kompensation/ Widerstand“ und
„Offenheit/ Entwicklung/ Perfektionierung“ sind demnach die tragenden
Schlüsselbegriffe. Hinter dieser Einteilung stehen inhaltliche
Überlegungen: Der Mensch ist von seinen natürlichen Anlagen
her nicht in derselben Weise festgelegt wie nichtmenschliches Leben.
Diese Offenheit impliziert Risiko und Chance: Risiko, weil mit
Widerstand und der Gefahr des Scheiterns zu rechnen ist; Chance, weil
auf dieser Grundlage Entfaltung und Entwicklung möglich werden.
Risiken wie Chancen des Menschseins lassen an die Grenzen des
Menschseins rühren, an die Begrenztheit und Beschränktheit,
die wiederum die Herausforderungen der Lebenskunst aufwerfen.
Der Mensch als Mängelwesen ist auf Entwicklung hin offen. Hinter
diesem einfachen Satz verbergen sich eine Reihe von Fragen: Gibt es
eine bestimmte Richtung, in der diese Entwicklung erfolgen soll? Folgt
„Entwicklung“ dem Modell steten Wachstums? Kann und soll diese
Entwicklung bis zur Perfektion führen? Welche Kriterien stehen uns
zur Erhebung von Perfektion zur Verfügung? Kann Perfektion
überhaupt erreicht werden? Wie ist mit Imperfektion umzugehen? Ist
die Offenheit des Menschen eine kulturelle Herausforderung, die durch
Eingrenzung beantwortet werden muss? Inwieweit hängt die Offenheit
des Menschen auch mit seiner Befähigung zum Bösen zusammen?
Kann man den Menschen auch in moralischer Hinsicht als
„Mängelwesen“ beschreiben? Diese Fragen beschäftigen die
Geistesgeschichte seit vielen Jahrhunderten. Dennoch ist die Rede vom
Mängelwesen in einer „Philosophie nach Auschwitz“ neu zu verorten;
die Hinweise auf „Grenzen des Wachstums“ machen auf aktuelle
Herausforderungen aufmerksam. Was bedeutet die Charakterisierung des
Menschen als eines Mängelwesens am Anfang des 21. Jahrhunderts?
Ist diese Charakterisierung überhaupt zutreffend? Diese Fragen
sind angesichts der Entwicklungen der Biotechniken, der
Evolutionsbiologie, der interkulturellen Anthropologie, aber auch des
technischen Fortschritts mit seinen Grenzen aufs Neue brisant geworden.
Die genannten Themenkomplexe werden aus unterschiedlichen Perspektiven,
vorgetragen und behandelt. Eine kulturtheoretische, eine theologische
und eine soziologische Perspektive beschäftigen sich mit Grenzen,
Begrenztheit und Ausgrenzung; Philosophie und Kulturanthropologie
diskutieren Kompensation und Widerstand; eine psychologische,
bioethische und biologische Sicht thematisieren die Aspekte von
Offenheit und Entwicklung. Es steht zu hoffen, dass diese Tagung nicht
nur Form und Stoff für Diskussion bereitstellt, sondern auch
Fortschritte in verschiedenen Fragen erzielen lässt.
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Tagungsbänden