Gemeinschaft – Öffentlichkeit - Macht
Der Mensch – ein `zoon politikon´?

 

Symposium der Arbeitsgemeinschaft "Topologien des Menschlichen"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft

10. - 11. Dezember 2004

Kultursaal des Priesterseminars, Boltzmanngasse 9, 1090 Wien

Anmeldung
Anmeldung

 

Freitag, 10. Dezember

9.00 Uhr Begrüßung / Einleitung
HEINRICH SCHMIDINGER, Salzburg

Eröffnungsvortrag:

Polis und Staat. Zwei Ausprägungen des Politischen und die Frage nach seiner Zukunft
CHRISTIAN MEIER, München

Diskussion

Zum Menschenbild – Ideen / Ideologien

Die Rolle der Natur für die Konstruktion des zoon politikon
MICHAEL FISCHER, Salzburg

Diskussion
Kaffeepause

12.15 Uhr

Zoon politikon and the future of the political from a „cultural political economy“ perspective
BOB JESSOP, Lancaster

Diskussion
Mittagspause

Öffentlichkeit – Akteure, Institutionen, Medien

14.30 Uhr

Der Einzige und die Vielen. Über Machthaber, Untertanen und ihr Korrelat
JOHN PATTILO-HESS, Wien/New York

Diskussion

Entstehung und Wandel politischer Institutionen
GERHARD GÖHLER, Berlin

Diskussion
Kaffeepause

17.30 Uhr

Medienmenschen, Menschenbilder und Bildermedien: Der Homo medialis im Spannungsfeld zwischen Abbild, Vorbild und Trugbild
ROMY FRÖHLICH, München

Diskussion

18.45 Uhr Tagesabschluß

Samstag, 11. Dezember

Macht – Gestalten, Pathologien, Entfaltung

9.00 Uhr

Das zoon politikon aus religionswissenschaftlicher Perspektive
HARTMUT ZINSER, Berlin

Diskussion
Kaffeepause

Krieg als historisches und anthropologisches Phänomen
MARTIN HOCH, Bonn

Diskussion

Die Erosion des Politischen
SONJA PUNTSCHER RIEKMANN, Salzburg/Wien

Diskussion

13.30 Uhr Abschluß der Veranstaltung

Pro Referat sind 45 Minuten, pro Diskussion 30 Minuten vorgesehen

Die Referenten

Univ.Prof. DDr. Michael FISCHER, Fachbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Universität Salzburg
Univ.Prof. Dr. Romy FRÖHLICH, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medien- forschung, Universität München
Univ.Prof. Dr. Gerhard GÖHLER, Otto Suhr Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin
Dr. Martin HOCH, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Außen- und Sicherheitspolitik bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin
Univ.Prof. Dr. Bob JESSOP, Department of Sociology, Lancaster University
Univ.Prof. Dr. Christian MEIER, Historisches Seminar, Universität München
Univ.Prof. Dr. John PATTILO-HESS, Gesellschaft für Masse & Macht Forschung, Wien
Univ.Prof. Dr. Sonja PUNTSCHER RIEKMANN, Institut für Politikwissenschaft, Universität Salzburg
Univ.Prof. Dr. Heinrich SCHMIDINGER, Philosophisches Institut der Theologischen Fakultät, Universität Salzburg; Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Topologien des Menschlichen
Univ.Prof. Dr. Hartmut ZINSER, Institut für Religionswissenschaft, Freie Universität Berlin

Motivation

Absicht der Tagungsreihe „Topologien des Menschlichen“ ist es, eine transdiziplinäre Verständigung darüber herzustellen, was sich unter den Bedingungen des gegenwärtigen Wissens an grundlegenden Aussagen über den Menschen machen lässt. Den Anlass dazu bietet nicht nur der Umstand, dass die Frage nach dem Selbstverständnis, das der Mensch von sich hat, immer aktuell und jederzeit von ausschlaggebender Relevanz ist, sondern mehr noch die Tatsache, dass die heutige transdisziplinäre Verständigung über das, was den Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich aber immer dringlicher wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand den Traum von einer umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Menschen in sich integrieren und so etwas wie eine umfassende Übertheorie bilden könnte, die sich jenseits der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ansiedelte, eine neue Philosophie nach altem Muster sozusagen, die sich ohne Rücksicht auf die Fortschritte der diversen Wissenschaften entfaltete. Dazu haben sich die wissenschaftlichen Disziplinen viel zu stark differenziert. Auf der anderen Seite kann es aber nicht bei diesem Fazit bleiben, denn die ständig neuen Erkenntnisse, die sich in den einzelnen Disziplinen – was ihre konkreten Inhalte, das Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade ihrer Bedeutung betrifft – in sehr unterschiedlicher Weise einstellen, erhalten früher oder später zwangsläufig an transdisziplinärer Relevanz, müssen also zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Während in den vergangenen Jahren die traditionelle Rede vom Menschen als „animal rationale“ (unter dem Titel „Vernunft – Kognition – Intelligenz. Der Mensch – ein animal rationale?“) bzw. als einem „freien Wesen“ (unter dem Titel: „Autonomie – Personalität – Verantwortung. Der Mensch – ein freies Wesen?“) zur Diskussion stand, befasst sich die heurige Tagung mit dem klassischen Topos vom Menschen als sozialem und politischem Wesen. Sie steht unter dem Titel „Gemeinschaft – Öffentlichkeit – Macht. Der Mensch – ein zoon politikon?“

Kann man den Menschen als „zoon politikon“ treffend charakterisieren? Und was bedeutet diese Charakterisierung am Anfang des 21. Jahrhunderts? Diese Fragen sind angesichts so genannter Individualisierungs- und Entsolidarisierungstendenzen auf der einen Seite und Regionalisierungs- oder Kommunitarisierungsbemühungen auf der anderen Seite durchaus brisant.

Die klassische Bestimmung des Menschen als eines „zoon politikon“ bei Platon und Aristoteles besagt in etwa Folgendes: Der Mensch ist von Natur aus für die staatliche Gemeinschaft bestimmt. Wenn die Menschen auch keiner Hilfe von einander bedürften, so würden sie doch nicht minder ein gemeinsames Leben begehren. Wer keine Gemeinschaft eingehen kann, ist entweder ein wildes Tier oder Gott. Bereits um des (menschlichen) Lebens willen treten also die Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen. Der Staat ist eine Gemeinschaft zum Gut-Leben, jede Gemeinschaft hat sich wegen eines Gutes gebildet. Eine solche Gemeinschaft des Guten besteht aus der Art nach verschiedenen Menschen, denn aus Gleichem wird kein Staat. Die Beziehungen zwischen diesen verschiedenen Mitgliedern der Beziehung sind zu ordnen; einen solchen Koordinationsrahmen stellt die Rechtsordnung dar, die je individuelles Verhalten aufeinander abstimmt. Jeder Mensch steht im Rechtsverhältnis zu jedem Menschen, der Gesetz und Vertrag mit ihm gemeinsam haben kann. Das individuelle Verhalten muss gemeinschaftsfreundliche Strukturen vorfinden: Absicht des Gesetzgebers muss es sein, die Bürger(innen) durch Gewöhnung tugendhaft zu machen. Hier zeigt sich auch die Verschränkung von „Gerechtigkeit“ und „Freundschaft“, zwei Aspekten des „zoon politikon“: In jeder Gemeinschaft gibt es neben der Gerechtigkeit auch die Freundschaft. Die gegenseitige liebevolle Gesinnung ist das höchste der Güter des Staates. Diese Güter sind durch entsprechende weise Ausübung von Macht zu gewähren und zu fördern. Machtgestaltung hat mit Mitgliedschaft in der Gemeinschaft zu tun: Bürger ist derjenige, der Anteil am Herrschen und Beherrschtwerden hat. Als Recht bezeichnet man das, was dem gemeinen Wesen frommt. So kann sicher gestellt werden, dass das Wohl der Gemeinschaft die Aufgabe aller ist.

Sind diese Überlegungen heute noch haltbar? Es stellen sich Anfragen an die Begriffe der Gemeinschaft, der Öffentlichkeit und der Macht. Hier wird man die Geschichtswissenschaft über die Wirkungsgeschichte dieser Gedanken befragen müssen, die Rechtsphilosophie über die Konstruktion des Begriffs, die Soziologie und die Institutionentheorie über die Ausgestaltung des „politikon“.

Über diese Grundsatzfragen hinaus provozieren zeitgenössische Beiträge aus der Terrorismusforschung oder Medienforschung unser klassisches Verständnis von Machtausübung. Manche Politikwissenschafter/innen sprechen auch von einer „Auflösung des Politischen“. Hier ist Tendenzen nachzugehen, die eine Gestaltung von Miteinander, Nebeneinander und Gegeneinander erkennen lassen. Diesen Blick auf Vergangenes, Gegenwärtiges und mögliches Künftiges will die heurige Tagung, angeleitet durch namhafte Wissenschafter/innen, wagen.