Sprache – Dialog – Ritual
Der Mensch – ein `animal symbolicum´?
Symposium der Arbeitsgemeinschaft "Topologien des
Menschlichen"
der Österreichischen Forschungsgemeinschaft
9. - 10. Dezember 2005
Kultursaal des Priesterseminars, Boltzmanngasse 9,
1090 Wien
Anmeldung

Freitag,
9. Dezember
9.00 Uhr Begrüßung / Einleitung
HEINRICH SCHMIDINGER, Salzburg
Sprache, Zeichen, Information
Zeichen, Sprache und Erinnerung
ALEIDA ASSMANN, Konstanz
Diskussion
Die vielen Formen der Sprache
OSWALD PANAGL, Salzburg
Diskussion
Kaffeepause
12.15 Uhr
Von der Natur in der Kultur
VOLKER SOMMER, London
Diskussion
Mittagspause
Dialog, Kommunikation, Verstehen
14.30 Uhr
Kognitive Rituale - Sprachverarbeitung im Gehirn
HUBERT HAIDER, Salzburg
Diskussion
Voraussetzungen des Verstehens und Ursachen von
Missverständnissen: Theorien und empirische Befunde aus der
kognitiven Psychologie
MELANIE STEFFENS, Jena
Diskussion
Kaffeepause
17.30 Uhr
Ökonomie und Kommunikation
BIRGER PRIDDAT, Witten
18.45 Uhr Tagesabschluß
Samstag,
10. Dezember
Ritual und Symbol
9.00 Uhr
Das Ende des klassischen Menschenbildes in der Kunst um 1800 und die
Kompensationsrolle der Ästhetik: David, Flaxman, Canova
WERNER BUSCH, Berlin
Diskussion
Kaffeepause
Rituale und symbolisches Handeln - Grundphänomene menschlichen
Daseins
FLORIAN UHL, Linz
Diskussion
Grenzen des Symbolischen und des Medialen
REINHARD MARGREITER, Berlin / Imst
Diskussion
13.30 Uhr Abschluß der Veranstaltung
Pro Referat sind 45 Minuten, pro Diskussion 30 Minuten vorgesehen
Die Referenten
Univ.Prof.Dr. Aleida ASSMANN, Fachbereich Literaturwissenschaft,
Universität Konstanz
Univ.Prof.Dr. Werner BUSCH, Kunsthistorisches Institut, Fachbereich
Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin
Univ.Prof.Dr. Hubert HAIDER, Fachbereich Linguistik, Universität
Salzburg
PD Dr. Reinhard MARGREITER, Institut für Philosophie, Humboldt
Universität Berlin
Univ.Prof.Dr. Oswald PANAGL, Fachbereich Linguistik, Universität
Salzburg
Univ.Prof.Dr. Birger PRIDDAT, Lehrstuhl für Volkswirtschaft und
Philosophie, Universität Witten-Herdecke
Univ.Prof. Dr. Heinrich SCHMIDINGER, Philosophisches Institut der
Theologischen Fakultät, Universität Salzburg; Leiter der
Arbeitsgemeinschaft „Topologien des Menschlichen“
Univ.Prof.Dr. Volker SOMMER, Department of Anthropology, University
College London
Univ.Prof.Dr. Melanie STEFFENS, Institut für Psychologie,
Friedrich Schiller Universität Jena
Univ.Prof.Dr. Florian UHL, Institut für Philosophie und
Religionswissenschaft, Katholisch-Theologische Privatuniversität
Linz
Motivation
Absicht der Tagungsreihe „Topologien
des Menschlichen“ ist es, eine transdiziplinäre Verständigung
darüber herzustellen, was sich unter den Bedingungen des
gegenwärtigen Wissens an grundlegenden Aussagen über den
Menschen machen lässt. Den Anlass dazu bietet nicht nur der
Umstand, dass die Frage nach dem Selbstverständnis, das der Mensch
von sich hat, immer aktuell und jederzeit von ausschlaggebender
Relevanz ist, sondern mehr noch die Tatsache, dass die heutige
transdisziplinäre Verständigung über das, was den
Menschen ausmacht, immer schwieriger, zugleich aber immer dringlicher
wird. Auf der einen Seite hat kaum mehr jemand den Traum von einer
umfassenden metaphysischen Anthropologie, die alle wissenschaftlichen
Erkenntnisse über den Menschen in sich integrieren und so etwas
wie eine umfassende Übertheorie bilden könnte, die sich
jenseits der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ansiedelte, eine
neue Philosophie nach altem Muster sozusagen, die sich ohne
Rücksicht auf die Fortschritte der diversen Wissenschaften
entfaltete. Dazu haben sich die wissenschaftlichen Disziplinen viel zu
stark differenziert. Auf der anderen Seite kann es aber nicht bei
diesem Fazit bleiben, denn die ständig neuen Erkenntnisse, die
sich in den einzelnen Disziplinen – was ihre konkreten Inhalte, das
Tempo ihrer Gewinnung sowie die Grade ihrer Bedeutung betrifft – in
sehr unterschiedlicher Weise einstellen, erhalten früher oder
später zwangsläufig an transdisziplinärer Relevanz,
müssen also zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Während in den vergangenen Jahren die traditionelle Rede vom
Menschen als „animal rationale“ (unter dem Titel „Vernunft – Kognition
– Intelligenz. Der Mensch – ein animal rationale?“), als einem „freien
Wesen“ (Tagungstitel: „Autonomie – Personalität – Verantwortung.
Der Mensch – ein freies Wesen?“) und als „zoon politikon“
(Stichwörter: „Gemeinschaft-Öffentlichkeit-Macht“) zur
Diskussion stand, befasst sich die heurige Tagung mit dem klassischen
Topos vom Menschen als symbolschaffendem und sprachfähigem Wesen.
Sie steht unter dem Titel „Sprache - Dialog - Ritual. Der Mensch – ein
animal symbolicum?“
Hinter diesen Schlüsselbegriffen steht die Überzeugung, dass
der Symbolbegriff in anthropologischer Absicht nicht von
Sprachbegabung, Dialogfähigkeit und Ritualkompetenz getrennt
werden kann und dass umgekehrt ein Verständnis der Begriffe von
Sprache, Dialog und Ritual auf den Symbolbegriff verwiesen ist. Erst
als symbolschaffendes und symbolverarbeitendes Wesen kann der Mensch
ein Sprachsystem entwickeln, sich dialogisch orientieren und rituell
handeln. Dies sind Intuitionen, die hinter der Charakterisierung des
Menschen als eines „animal symbolicum“ stehen.
Kann man den Menschen als „animal symbolicum“ treffend
charakterisieren? Und was bedeutet diese Charakterisierung am Anfang
des 21. Jahrhunderts? Diese Fragen sind angesichts der Entwicklungen
der Informationstechnologien, der Fortschritte der
Kreativitätsforschung und der Einsichten in die biologischen
Grundlagen von Sprache und Spracherwerb durchaus brisant. Entsprechend
kontrovers sollen diese Fragen auch diskutiert werden.
Die klassische Bestimmung des Menschen als eines „zoon logon echon“
deutet in der griechischen Philosophie darauf hin, dass der Mensch ein
mit Sprache ausgestattetes vernunftbegabtes Wesen sei.
Sprachfähigkeit und Vernunftfähigkeit, die Fähigkeit von
Symbolverarbeitung und –herstellung und die Fähigkeit zum
Urteilen, die Fähigkeiten von Verstehen und Vermitteln wurden von
Anfang an miteinander verbunden. Die heurige Tagung zur
Symbolfähigkeit steht deswegen in enger Verbindung mit den
vorhergegangenen Tagungen zu Vernunftbegabung und
Gemeinschaftsfähigkeit.
Im 20. Jahrhundert war es Ernst Cassirer, der dem Symbolbegriff zu
neuem Gewicht verholfen hat. In seiner Philosophie der symbolischen
Formen aber auch in seinem Versuch über den Menschen (Essay on
Man) hat Cassirer den Menschen als Wesen bestimmt, das Symbole schafft
und sich durch Symbole mit seinesgleichen und der Welt
verständigt. Die Formen menschlicher Kultur in ihrer Fülle
und Mannigfaltigkeit sind symbolische Formen, der Mensch gestaltet die
Wirklichkeit und nimmt die Wirklichkeit über symbolische Formen
wahr. Damit hebt sich der Mensch aus der Unmittelbarkeit der Natur
heraus. Der Vernunftbegriff zur Charakterisierung greift zu kurz. In
diesem Sinne kann die Begriffsbestimmung „homo est animal symbolicum“
durchaus als Alternativ-, ja Konkurrenzprogramm zur Bestimmung des
Menschen als „animal rationale“ verstanden werden. Nelson Goodman hat
in seinen „Weisen der Welterzeugung“ Cassirers Überlegungen
weiterentwickelt und den Menschen als ein Wesen beschrieben, das
„Welten“ erzeugt, Symbolsysteme, die nicht „wahr“ oder „falsch“, aber
doch „angemessen“ oder „unangemessen“ sein können. Hier deuten
sich Brücken zur Psychologie an, die bei der Tagung auch vertreten
sein wird.
Der Symbolbegriff verweist auf eine Beziehung zwischen einem Zeichen
und einem Bezeichneten, wobei diese Beziehung in der Regel als affektiv
geladen, mehrdeutig und handlungsanleitend beschrieben wird. Etwas
Sichtbares wird in Relation zu etwas Unsichtbarem gesetzt. Durch diese
Überlegungen entsteht ein Zugang zum Kulturbegriff und ein Zugang
zur Religion: Clifford Geertz, um nur ein Beispiel zu nennen, hat im
Rahmen seiner semiotischen Kulturtheorie den Menschen als
„meaning-maker“ und Kultur als „Netz von Bedeutungen“ bestimmt. Der
Mensch als animal symbolicum baut Kultur auf und ist selbst als Symbol
innerhalb kultureller Zusammenhänge anzusehen. Der Mensch als
animal symbolicum ist auch offen für die religiöse Dimension
von Kultur. Religiöses Handeln kann als Handeln mit Symbolen,
symbolisches Handeln als rituelles Handeln begriffen werden. Rituelles
Handeln kann seinerseits durch einen Wert, der über die
beobachtbare Funktion der Handlung hinausgeht, durch
Expressivität, Regelgeleitetheit, Stilisierung und eine
kommunikative Funktion charakterisiert werden. Hier stoßen wir
auch auf die Ästhetik als einer Brücke zwischen Kultur und
Religion. Kant hat den Symbolbegriff nicht von ungefähr im Rahmen
seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft behandelt.
Ästhetik und Kunst wiederum sind Wege zur religiösen
Dimension des Menschseins. Schon Wittgenstein hat in seinen
„Bemerkungen über Frazers Golden Bough“ den Menschen als
„zeremonielles Tier“ bezeichnet, um die Rolle des Symbolischen in der
kulturellen Verfasstheit des Menschen anzudeuten, und wohl auch die
Bedeutung des Religiösen in der menschlichen Kultur.
Neben der kulturellen, ästhetischen und religiösen Dimension
des „animal symbolicum“ sind auch biologische und technische Aspekte zu
bedenken. Was sind die biologischen Grundlagen für die
Symbolverarbeitung? Ist es ein menschliches Privileg, mit Symbolen
arbeiten zu können? Was bedeuten die Fortschritte auf den Sektoren
der Informatik und Informationstechnologie für die Rede vom
„animal symbolicum“? Es ist schließlich nicht zu leugnen, dass
gerade die Symbolverarbeitung mehr und mehr maschinengestützt
vonstatten geht.
Selbstverständlich muss die Frage gestellt werden, ob die
verschiedenen Verwendungsweisen von „Symbol“ nur oberflächliche
Ähnlichkeiten aufweisen und de facto äquivok sind.
Selbstverständlich muss gefragt werden, ob es angemessen ist, den
Menschen als „animal symbolicum“ zu charakterisieren und ob diese
Bestimmung durch den technischen Fortschritt und die wachsenden
wissenschaftlichen Erkenntnisse über Symbolverarbeitung bei Mensch
und Tier inhaltlich neu akzentuiert werden muss.
Die Beiträge sollen ein Gespräch ermöglichen, das die
Gemeinsamkeiten und den Stand der Forschung, aber auch die Differenzen
und offenen Fragen deutlich werden lässt.