Motivation
Spätestens seit der
Rede-Lecture von C.P.Snow (1959) werden Natur- und
Geisteswissenschaften oft
als "zwei Kulturen" mit völlig verschiedenen theoretischen und
methodischen Gegebenheiten angesehen; erst recht werden davon noch
einmal die
Künste unterschieden, von denen es heißt, dass sie anders
als die
Wissenschaften nicht auf Erkenntnis zielen, sondern Gefühle
ausdrücken oder
vermitteln. Vereinfacht lässt sich diese Sicht auf die Formel
bringen: In den
Wissenschaften geht es (auf die eine oder andere Weise) um Wahrheit, in
den
Künsten um Schönheit.
Erst in neuerer Zeit wird verstärkt auf die Notwendigkeit
einer "Re-Integration" von Wissenschaften und Künsten sowie einer
"transdisziplinären" Beschäftigung mit komplexen Problemen
hingewiesen. Auch werden künstlerische Ansätze zunehmend mit
dem Anspruch einer
methodischen Forschung verbunden, die ebenso zu Erkenntnis führen
könne wie
wissenschaftliche Untersuchungen, aber im Unterschied zu diesen durch
die
ästhetischen Merkmale eines Werkes vermittelt werde und
"ergebnisoffen" sei.
Sowohl in den
auf Abgrenzung von Wissenschaften und Künsten bedachten wie in den
zwischen
ihnen vermittelnden Positionen bleibt unklar, inwiefern mit Bezug auf
die
verschiedenen Bereiche im selben Sinne von Methode, Forschung oder
Erkenntnis
gesprochen werden kann – ja, ob es sich überhaupt um etwas
Vergleichbares
handelt oder ob die gleichen Ausdrücke auf unterschiedliche
Gegebenheiten
angewendet werden. Die erwähnten Zusammenhänge bedürfen
deshalb der Klärung,
nicht nur in begrifflicher Hinsicht, sondern auch zum eigenen und
wechselseitigen Verständnis der Disziplinen.
Die ARGE
"Wissenschaft und Kunst" der Österreichischen
Forschungsgemeinschaft
widmet sich deshalb in einer Reihe von Tagungen wichtigen Aspekten des
Verhältnisses von Wissenschaften und Künsten, von gemeinsamen
Grundlagen und
individuellen Besonderheiten. Dabei wird es u.a. um die Fragen gehen,
wie viel
an Wissenschaft in künstlerischen Ansätzen zu finden bzw.
dafür notwendig ist,
welche Rolle Grenzgänge zwischen den verschiedenen Bereichen
spielen oder
inwiefern disziplinenübergreifend Beiträge zur Lösung
zentraler Probleme
geleistet wurden und werden. Einen Einstieg in diese Diskussionen soll
dieses
Symposium bieten, das
"exemplarische Positionen" in den Mittelpunkt stellt, und zwar in
Bezug auf drei Fragenkomplexe, die in den Wissenschaften wie in den
Künsten von
nicht zu überschätzender Bedeutung sind: Intuition,
Experiment und Prozess.
1. Intuition:
Intuition gilt allgemein
als Grundlage schöpferischer Entwicklungen. Deshalb ist es kein
Wunder, dass
die Berufung darauf in den Wissenschaften (etwa in Philosophie und
Mathematik,
aber auch in Naturwissenschaften wie Physik oder Chemie) genauso zu
finden ist
wie in den Künsten. Aber was ist Intuition und welche Rolle spielt
sie für die
wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeit? Handelt es
sich um eine
spezifische Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte ohne diskursiven
Einsatz des
Verstandes zu gewinnen, bzw. um die Begabung, "aus dem Bauch heraus"
richtige Entscheidungen zu treffen, oder geht es eher um Einsichten in
komplexe
Zusammenhänge, die einer rationalen Argumentation weder
bedürfen noch fähig
sind? Ist Intuition eine Art von nicht begründbarer Eingebung, die
jemanden zu
neuen Ideen oder Erfindungen führt, oder aber ein auf langer
Erfahrung
beruhendes Wissen, das auch ohne intersubjektiv überprüfbare
Kriterien sicher
ist? Ist Intuition schließlich eine Quelle, die als Bezug
für die Erklärung,
wie Wissen entsteht, heranzuziehen ist, oder können Einsichten
auch mit Bezug
darauf begründet werden?
2. Experiment:
Vor
über
100
Jahren
wurde
das
Experiment
in
Meyers Konversationslexikon allgemein als "Frage an die
Natur" bzw. als "Erforschungsversuch"
bestimmt, dann aber auf Verfahren
eingegrenzt,
durch die "der Naturforscher das Verhalten von Körpern zueinander,
eine
Naturerscheinung zu ergründen versucht, indem er alle
störenden Nebenumstände
ausschließt, die bei der bloßen Beobachtung den wahren
Vorgang oft verhüllen
oder modifizieren." Die dieser Bestimmung eigene Mehrdeutigkeit
lässt die
Möglichkeit offen, als Experiment schlichtweg den Willen zu
verstehen, sich
neuen Erfahrungen auszusetzen, wie auch eine genau definierte Methode,
durch
Versuche Kausalbeziehungen zu erklären. Der Umstand, dass in Kunst
und
Wissenschaft gleicherweise von Experimenten die Rede ist, wirft aber
die Frage
auf, ob auch auf gleiche Weise davon gesprochen wird. Insbesondere ist
zu
klären, ob Experimente in den Künsten bestenfalls im
erwähnten allgemeinen
Sinne ins Spiel kommen, während Experimente im "eigentlichen"
Sinne
ein Fall für die Naturwissenschaften sind, oder ob der Unterschied
zwischen
experimentellen Ansätzen in Wissenschaft und Kunst weniger
fundamental ist, als
er zunächst erscheint.
3. Prozess:
Ein
interessanter
Paradigmenwechsel,
der
sich
im
letzten
Jahrhundert
sowohl in den
Künsten als
auch in den Wissenschaften vollzogen
hat,
besteht
im
Wandel
von
einer
Betrachtung
der Welt als
einer Menge von Gegenständen oder Sachverhalten hin zu ihrer Sicht
als
dynamische Prozesse (wobei auch die Betrachtungsweise selbst im Sinne
des
Wortes ein Prozess ist, da sich dieser Ausdruck dem Wörterbuch von
Adelung
zufolge auf "die Art und Weise, wie eine Sache behandelt wird",
bezieht). Wurde in den Naturwissenschaften die
statisch-klassifikatorische Betrachtungsweise
von Gegenständen allmählich durch eine prozessuale ersetzt,
so machte in den
Künsten der Begriff des Werks als "opus perfectum et absolutum"
nach
und nach der Vorstellung vom "Kunstdenken" als lebenslangem Prozess
Platz, wovon die einzelnen Gegenstände, die wir als "Werke"
wahrnehmen, nur Momentaufnahmen sind. Angesichts dieser Entwicklung
stellt sich
jedoch nicht nur die Frage, inwiefern künstlerische und
wissenschaftliche
Ansätze Prozesse zum Gegenstand haben, sondern auch, ob (bzw. bis
zu welchem
Grad) der Prozess der Erkenntnis solcher Gegenstände und der
Formulierung
dieser Erkenntnis für Kunst und Wissenschaft ähnlich oder
verschieden ist. Eine
eigene Frage betrifft schließlich die Art der Beschäftigung
mit dem Prozess der
Wahrnehmung solcher Prozesse in Wissenschaften und Künsten.
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