Was kommt auf die Geisteswissenschaften zu?

Helmut Rumpler, Klagenfurt

 

Die Geisteswissenschaften befinden sich zur Zeit in einer eigentümlich zwiespältigen Lage. Sie sind einerseits wieder gefragt. Sogar Philosophieren ist wieder aktuell. Nach "action" und "power" kreisen die Gedanken wieder um "Sophies Welt". Über die "Zukunft der Bildung" werden Symposien veranstaltet. "Bildung für die Zukunft" hat wieder etwas mit den "humaniora" zu tun. Richtig verstanden als hermeneutisch-interpretierende Generalwissenschaften sollen sie mit ihrer Sichtweise auf die Ganzheit gesellschaftlicher Entwicklungen und politischer Prozesse die Zusammenhänge und Grundlagen einer unüberschaubar gewordenen Welt wieder erkennbar machen und der Mechanisierung und dem Werteverlust durch Beschäftigung mit Kultur in deren verschiedenen Ausformungen wieder einen zentralen Sinn geben. Andererseits sind die Berufsaussichten für Geisteswissenschafter trister denn je. Die Geisteswissenschaften an den Universitäten werden sich daher dem Vorschlag eines sechssemestrigen Kurzstudiums gar nicht verschließen können, um die Berufschancen ihrer Absolventen auf einem sich wandelnden Arbeitsmarkt zu wahren. Immer größer wird die Zahl jener Berufsfelder - vom Tourismusreferenten einer Gemeindeverwaltung bis zum Verkaufsdirektor eines Großkonzerns - , für die das von den geisteswissenschaftlichen Studien vermittelte Allgemeinwissen, die Beschäftigung mit Urteilen und Vorurteilen, mit der Relativität und Schnellebigkeit von Lösungsmodellen. Aber die Geisteswissenschaften dürfen ihre Seele nicht verkaufen. Wenn sie jenen spezifischen Wert der Philosophie, der Geschichte, der Psychologie, der Soziologie, der Literatur- und Sprachwissenschaft usw. bewahren wollen, der sie im Sinne der Humanisierung der modernen Arbeitswelt als unverzichtbar erscheinen läßt, dann müssen sie die Grundlagen ihres Wissenschaftsverständnisses und die daraus abgeleiteten Studienkonzepte bewahren. Und darin liegt das Problem der Einführung von Kurzstudien bei den Geisteswissenschaften. Das Bakkalaureat ist keine Frage der Neuorganisation des Studiums, sondern erfordert den geistigen Aufwand einer Neukonzeption oder Neuprofilierung - es muß kürzer als das traditionelle Diplomstudium sein, es muß nicht spezifisch arbeitsmarktbezogen, sehr wohl aber in einem allgemeinen Sinn berufsbezogen sein, es muß aber auch unverändert wissenschaftsorientiert bleiben, wie dies in den vielfach reformierten Studiengängen der geisteswissenschaftlichen Fächer verankert ist. Wenn es nicht gelingt, diese drei Elemente zu vereinigen, ist die nächste Krise der geisteswissenschaftlichen Studien, sowohl als Sinnfrage als auch als Arbeitsmarktfrage, schon vorprogrammiert.

1. Was spricht für/gegen die Einführung des Bakkalaureats?

Aus der Sicht der Geisteswissenschaften, so wie sie jetzt, theorie- und faktenorientiert zugleich, konzipiert sind, spricht rein gar nichts für die Einführung von Kurzstudien. Jedenfalls gilt keines jener Argumente, die bei der jetzigen Neuregelung ins Treffen geführt werden. Die Internationalität ist den Geisteswissenschaften sachimmanent, nicht nur der wissenschaftliche Diskurs, sondern auch die Studien sind naturgemäß an einen internationalen Diskurs orientiert. Ein Studienortwechsel ist daher in jedem Stadium möglich und wird durch Zwischenabschlüsse kaum gefördert. Die Ursachen dafür, daß auch in den Geisteswissenschaften Auslandsstudien mit gegenseitiger Anrechnung eher die Ausnahme darstellen, ist jedenfalls nicht in Organisationsfragen des Studienablaufes zu suchen. Zur Stimulierung der Studienmobilität in den Geisteswissenschaften bedürfte es jedenfalls anderer Instrumente als der Einführung des Bakkalaureats. Eine spezifische Berufsorientierung in geisteswissenschaftlichen Bakkalaureatsstudien ist zwar möglich, aber auch im Hinblick auf die Arbeitsmarktchancen der geisteswissenschaftlichen Absolventen eher problematisch. Jedenfalls wird eine Spezialisierung die heute mehr denn je geforderte Flexibilität im Rahmen einer individuellen Berufskarriere eher erschweren. Dem Prinzip der Akademisierung von Berufen, die bisher mit einer höheren Fachausbildung zurechtkamen und in Zukunft von den Fachhochschulen bedient werden, ist nicht zu widersprechen. Ob allerdings die Bakkalaureatsstudien gerade in den Geisteswissenschaften - sie sind auch im vorliegenden Gesetzesentwurf als "ordentliche Studien, die der wissenschaftlichen und künstlerischen Berufsvorbildung unter Qualifizierung für berufliche Tätigkeiten dienen, welche die Anwendung wissenschaftlicher und künstlerischer Erkenntnisse und Methoden erfordern" beschrieben - dazu bestimmt sein sollten, in Konkurrenz zu den verschiedenen Zweigen einer gehobenen Fachausbildung Kurzstudien-Akademiker für bestimmte Berufe zu produzieren, muß als fraglich erscheinen.

2. Das Qualifikationsprofil

Es käme darauf an, Qualifikationsprofile zu entwickeln, für die ein "akademisches" Studium einen Sinn ergibt. Sehr schnell stellt sich dabei die Frage: Generalstudien oder schnelle Spezialisierung; die Theorie spricht für das erstere, der Markt für das letztere. Beides im Wildwuchs nebeneinander zu entwickeln, würde wohl zu einer Ressourcenverschwendung führen. Argumente finden sich freilich leicht. Für Tourismusmanager, Hotelportiere, Politiker, Beamte usw. wäre eine geisteswissenschaftliche Bakkalaureatsausbildung wohl nützlich. Nur wären spezifische Bakkalaureate für solche Berufsgruppen doch kein sinnvoller Weg. Auch ein Bankjurist, in einem spezifischen Bakkalaureat ausgebildet, ist als Praktiker umso besser, je besser seine allgemeinjuristische Ausbildung war. Wie soll man ein Theologiestudium kürzend teilen, sodaß der Diakon oder die Diakonin mit einem Bakkalaureat ihr Auslangen finden. Daß ein Angehöriger der Exekutive etwas von Psychologie, aber auch von Recht verstehen müßte, und mit den zukünftigen Problemen der Internationalisierung nur mit einer verbesserten Berufsvorbildung zurechtkommen wird, steht außer Frage: Ob da allerdings ein kombiniertes Bakkalaureatsstudium an einer Universität mit Lehrern, die auch an der Forschung orientiert sind, die richtige Abhilfe darstellt, das steht als ungelöste Frage im Raum. Die kolportierte Vorstellung, daß europaweit die ominösen ‘"500.000 unbesetzten Jobs" im Informationstechnologiebereich mit Bakkalaurei der Informatik besetzt werden könnten, ist eine sträfliche Simplifikation. Denn "digitale Kompetenz’" umfaßt mehr, als man in einem verkürzt konzipierten Kurzstudium erwerben kann. Umgekehrt braucht man für die Mc-Jobs, die Amerika ein neues Wirtschaftswunder beschert haben, vermutlich keine Bakkalaurei, oder doch?

Die internationale Praxis kennt beide Modelle. Bakkalaureatsstudien als akademische Grundausbildung für einen sehr engen Berufszweck in den Sektoren Kultur, Recht, Sozialdienste, Verwaltung, Technik etc. Umgekehrt gibt es aber auch Studien, die eine wissenschaftliche Grundausbildung als generelle Vorbereitung entweder für ein training on the job, für ein Studium in den professionals, aber auch die wissenschaftliche Spezialisierung im Magisterstudium bieten. Für die Geisteswissenschaften und für das, was sie an allgemeinen Fähigkeiten für eine Vielfalt von Berufsfeldern zu bieten haben, spricht eher die Einführung von sstudien im Sinne von Grundlagenstudien, und dies sinnvollerweise aber nicht für Einzelfächer, sondern für Fächerbündel wie Kultur und Politik, wie Psychologie und Soziologie, Soziologie und Recht, Geschichte und Ökonomie, Biologie und Ökonomie usw. Die internationale Erfahrung, daß nur die wenigsten Bakkalaurei direkt in den Beruf einsteigen, muß als Hinweis darauf gewertet werden, daß die Konstruktion von berufsbefähigenden akademischen Kurzstudien eher nicht gelungen ist, bzw. daß sie der Konkurrenz mit den praxisorientierteren vergleichbaren Ausbildungsgängen des sekundären Schulwesens nicht gewachsen sind. Für Grundlagenstudien auf der Bakkalaureatsstufe spricht auch die bislang außer Diskussion gebliebene Frage des Bezugs zum Lehramtsstudium. Während sich die bestehenden Diplomstudien von 8 Semestern doch wohl in 6 Semestern konzentrieren lassen, wäre dies für die Lehramtsstudien eher schwierig. Ein eigenes Lehramtsbakkalaureat wäre denkbar, aber doch unrealistisch. Ein allgemeines Fachbakkalaureat im Sinne der wissenschaftlichen Berufsvorbildung als Grundlage für eine aufbauende, fachdidaktische und pädagogische Ausbildung wäre naheliegender und sicherte den internationalen Ausbildungsumfang. Nicht an der Frage des Ob, sondern an der Frage des Wie entscheidet sich für die Geisteswissenschaften Erfolg oder Mißerfolg der geplanten Neuordnung.

3. Studienplan, Strukturstudium, Studienabschluß

Nicht nur, weil es politisch so gedacht ist, sondern weil es nur so einen Sinn gibt, muß das Bakkalaureatsstudium selbstverständlich so konzipiert sein, daß der Absolvent/die Absolventin, wenn er oder sie es will, über ein abgeschlossenes Studium verfügt. Wäre das nur ein Teilstudium und das Bakkalaureatsexamen nur ein Zwischenabschluß, dann würde kein Studierender auf den Abschluß durch ein Magisterstudium verzichten. Dann wäre der Bakkalaureatsabschluß nur eine verschleierte Aufwertung der jetzt bestehenden ersten Diplomprüfung.

Aus der nahezu zwingenden Option für einen Studienabschluß ergibt sich die Konsequenz, daß in verkürzter Form von 6 Semestern ein ganzes Studium angeboten werden muß. In der Praxis und bei näherer Prüfung dessen, was für ein solches Studium unbedingt notwendig ist, wird sich herausstellen, daß die geisteswissenschaftlichen Studien vor dem Problem stehen, die bisherigen Diplomstudien so zu durchforsten, daß sie mit ihren wesentlichen Inhalten und Studienzielen in 6 Semestern unterzubringen sind.

Das hat aber weitreichende Folgen auf die Studienorganisation und das Prüfungswesen. Wer verlangt - und der vorliegende Gesetzesentwurf tut dies - , daß die Studien verkürzt werden, gleichzeitig aber auch das bewährte und sinnvolle System der Absolvierung in Form von prüfungsimmanenten Lehrveranstaltungen festhalten möchte, ist sich der Konsequenzen für die Qualität des Studiums nicht bewußt. Entweder das Kurzstudium wird nicht nur zeitlich reduziert, sondern auch inhaltlich, oder der Studienablauf muß in einem strafferen System der Lehrveranstaltungs- und Prüfungsabfolge organisiert werden. Das Prüfungssystem wird auf eine Mischung zwischen Lehrveranstaltungsprüfungen und Teil- bzw. Gesamtprüfungen umzustellen sein. Tatsächlich operieren die im Ausland eingerichteten sstudiengänge durchgehend mit einzelnen "Fachprüfungen" und "Abschlußexamen". Eine solche Neuordnung kann durchaus auch Vorteile bringen, weil für das Selbststudium der Studierenden wieder ein angemessenerer Raum gewonnen wäre.

Allerdings wird die zur Verfügung stehende Studienzeit unter Berücksichtigung von Kollisionsproblemen und Vorsorgen für Prüfungswiederholungen, die auf jeden Fall reduziert werden müssen, für den Erwerb von Zusatzqualifikationen wie EDV und Sprachen nur mehr wenig Raum lassen. Nur wenn das sstudium mehr oder weniger adäquat dem bisherigen Diplomstudium gestaltet wird, kann der Studienabschluß jene Qualität verbürgen, die vom Arbeitsmarkt in der Weise akzeptiert wird, daß sabsolventen auch tatsächlich als Akademiker angestellt werden. Sollte allerdings die angesichts der Studienverkürzung strikt zu stellenden Forderungen nach einer Qualitätssicherung unterlaufen werden, dann wird der Bakkalaureus als akademischer Abschluß bestenfalls auf dem Wege von Zwangsverordnungen nur im Beamtenbereich als akademische Qualifikation Anerkennung finden. Vor dieser Gefahr kann gar nicht genug gewarnt werden, weil die ausländischen Beispiele überdeutlich zeigen, daß der Berufseinstieg mit einem Bakkalaureus-Abschluß auch dann schwierig ist, wenn, wie etwa im Falle des Pilotprojektes für die Geisteswissenschaften in Bochum, ein Höchststandard an Studien- und Prüfungsqualität gesichert ist.

4. Folgen für die Magister- und Diplomstudien

Nicht nur für die Geisteswissenschaften, aber für sie besonders, ist zu bedenken, daß das Bakkalaureatsstudium ja auch für ein Weiterstudium qualifizieren soll. Gerade dann, wenn das nachfolgende Magisterstudium, wie vorgesehen, in zwei Semestern zu bewältigen sein sollte, müßte das Bakkalaureatsstudium nicht nur höchste Qualifikationen auch im Sinne der Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten - also nicht nur im Sinne eines Grundlagenstudiums - garantieren. So etwas generell zu erwarten, wäre unrealistisch. Daher limitieren die ausländischen Parallelbeispiele durchwegs den Zugang zum Magisterstudium mit verschiedenen Methoden, sei es durch Bindung an einen Mindestnotendurchschnitt des sabschlusses, sei es durch spezifische Befähigungsnachweise. Selbst bei Erfüllung strenger Zugangskriterien muß es allerdings als illusorisch erscheinen, ein Magisterstudium in 2 Semestern zu absolvieren, das dann die Grundlage für ein Doktoratsstudium sein könnte. 4 Semester sind für eine methodische und sachliche Vertiefung und die Abfassung einer annähernd anspruchsvollen Magisterarbeit jedenfalls zu fordern. Es sei denn, das Magisterstudium wäre nicht viel mehr als ein Bakkalaureatsabschluß, verbunden mit einer Masters-Thesis. Geisteswissenschaftliche Fächer, für die besondere Spezialkenntnisse notwendig sind, wie die Orientalistik oder Afrikanistik, würden praktisch aus dem Kanon der Magisterstudien ausgeschlossen, es sei denn, man macht sie zu Allerweltsfächern, für die allerdings eine akademische Graduierung nicht mehr beansprucht wird. Von dem Ziel der internationalen Konkurrenzfähigkeit der geisteswissenschaftlichen Studien in Österreich sollte dann allerdings niemand mehr reden.

Woher der wissenschaftliche Nachwuchs in einem vielfachen Gefahren der Verflachung und Verkürzung ausgesetzten Neustudium kommen sollte, bleibt eine bislang ausgesparte Frage. Daher ist aus der Sicht der Geisteswissenschaften als paralleler Studienweg jedenfalls die Beibehaltung der bisherigen Diplomstudien zu fordern. Sie sind ein bewährter und sicherer Weg zu Doktoratsstudien. Daß in Zukunft das Doktorat sogar die akademische Lehrbefähigung im Sinne einer Habilitation bringen soll, ist nicht einmal unter den Bedingungen der bisherigen Diplomstudien mit gutem Gewissen zu akzeptieren. Wer wollte es wagen, dies für den zukünftigen Doktor der Geisteswissenschaften zu postulieren, der auf der Grundlage eines Kurzstudiums und eines restringierten Magisterstudiums die akademische Lehrqualifikation erwerben soll? Die Habilitation ist gerade bei Einführung der neuen Studienstrukturen beizubehalten, wenn sich Österreich im internationalen Wettbeweb behaupten will. Aus der Sicht der Geisteswissenschaften in ihrer legitimen Sorge nicht nur um die Berufschancen ihrer Absolventen, sondern auch um die Qualität ihrer Studien bringt die Umstellung auf das dreistufige Studiensystem sowohl Gefahren als auch Chancen. Die Chance besteht darin, daß mit dem Bakkalaureat eine neue und eigenständige akademische Qualifikation mit einer für immer mehr Berufe notwendigen allgemeinen Berufseignung geschaffen wird. Die Gefahr liegt aber nahe, daß der neue akademische Abschluß durch eine Senkung des Qualifikationsniveaus erreicht wird - die Proseminararbeit wird zur Seminararbeit, die Seminararbeit zur Bakkalaureatsarbeit usw. Auch der oft bemühte internationale Vergleich ist trügerisch. Denn im angloamerikanischen Bereich zählt das Bakkalaureat als akademischer Grad fast nichts, es bedeutet lediglich den Abschluß eines undergraduate-Studiums. Bei uns aber soll der Bakkalaureus ein akademischer Grad werden. Daß dies ohne Etikettenschwindel geschehen wird, das würde man gerne den österreichischen Studierenden der Zukunft wünschen, damit sie sich auf einem international härter gewordenen Arbeitsmarkt auch wirklich behaupten können.