Mobilitätsförderung
- Maßnahmen und Mentalitäten
Raoul KNEUCKER, Wien
Für die nachfolgende
Diskussion über Mobilitätsförderung möchte ich vier Gesichtspunkte
nennen:
- die erkennbare demographische
Entwicklung in Europa;
- die allgemeine Bildungspolitik
nicht nur in Österreich;
- Mobilität und Karriere im
"Europäischen Bildungs-, Forschungs- und Innovationsraum";
- Aktuelles zur Förderung
des wissenschaftlichen Nachwuchses in Österreich..
- Es war die Initiative und der
Verdienst der schwedischen Ratspräsidentschaft der EU 2001, auf die erkennbaren
demographischen Entwicklungen in Europa und ihre Folgen für Forschung
und Industrie hinzuweisen. Regierungschefs und Fachminister haben die ernste
Lage zur Kenntnis genommen. Die Diskussionen über die Zukunft des Sozialstaates
haben nämlich verdeckt, dass die Stellen für die notwendige, auch
für die Sozialstaatsfinanzierung notwendige wissenschaftliche und industrielle
Entwicklung in Zukunft kaum besetzt werden können. Die Industrie fordert
bereits eine aktive Einwanderungspolitik. Wohin werden die Besten eines Jahrganges
gehen? Wird sich der "horizontale brain-drain" gegen Wissenschaft,
- Forschung und Technologie verstärken? Der erkennbare Mangel wird durch
Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, durch die Ausgleiche in einem
europäischen Arbeitsmarkt, durch die (endgültige) Inkorporation
der Frauen in Wissenschaft und Industrie zwar verzögern, aber langfristig
kaum beseitigen lassen.
- Seit langem ist bekannt, dass
sich die Bildungsprogramme zu langsam wandeln und zu wenig flexibel gestaltet
sind für die erkennbaren wissenschaftlichen, technologischen, industriellen
Entwicklungen. Die Bildungspolitik in einem allgemeinen Sinne, nicht nur
in Österreich, reagiert kaum auf diese Herausforderungen. Gleichzeitig
wird deutlich, dass die Informations- und Kommunikationstechnologien die Arbeitsplätze
und Arbeitsvorgänge selbst völlig verändern. Was kann/soll
Schule/Universität noch vermitteln? Wie ist Grundwissen und Weiterbildung
zu organisieren? Neue Lehrpläne? Wo sind sie, um diese Herausforderungen
zu meistern? Wie ist Selbststudium und Telearbeit mit Sozialphasen des Unterrichts
und der Arbeit in Teams zu koordinieren? Noch ein Drittes kommt hinzu: In
der wenig glücklichen Debatte über das Leistungsprinzip in der Bildung
wird regelmäßig vergessen, dass die Schule doch wohl vermitteln
müßte, Leistungen und Höchstleistungen anderer zu erkennen
und anzuerkennen und den Mut und den Willen der jüngeren Generation anzuspornen,
diese Leistungen zu übertreffen. Dieser Mut wird auch Unternehmergeist
hervorbringen, den die Industrie in der Jugend so vermißt. In einer
Welt des globalen Zugangs zum Wissen und der globalen Produktion des Wissens
sind alle Leistungsstandards internationalisiert worden; auch dass zu erkennen,
wäre Teil der Bildungsvermittlung, meine ich.
- Kariereplanungen sind heute
"europäisch" zu denken. Kariereplanungen sind mit europäischer
Mobilität verbunden. Die junge Generation hat diesen Wandel bereits akzeptiert.
Das "Binnenmarkt"- Modell, das sich auf Bildung, Forschung, Technologie
und Arbeitsmarkt ausdehnen wird, schafft ein neues Europa, jedenfalls eine
stark veränderte Situation für Lebensplanungen. Haben aber die Universitäten
und andere (Aus)bildungsstätten den Wandel akzeptiert? z.B.in der laufenden
Studienreform - in ihren Standards und Vergleichen? in der grenzüberschreitenden
Kooperation - nicht nur in Forschungsprojekten, sondern auch in Studiengängen
und - abschlüssen? in der Öffnung der Gremien, der Prüfungssenate
usw.? Die wesentliche Voraussetzung für die Schaffung einer europäisch
wettbewerbsfähigen Universität, ist die Schaffung größerer
Einheiten, die leistungs- und wettbewerbsfähig sind, die Schaffung für
wissenschaftlicher Attraktivität für Forscher und Studierende, eine
offene Atmosphäre für Wissenschaft und Innovationen, um junge Forscher
aus Europa und der Welt aufnehmen zu können.
Mobilität
ist horizontal, vertikal, geographisch und disziplinär zu verstehen;
in einem europäischen Bildungs-, Forschungs- und Innovationsraum bedarf
es aber zunächst der Sicherung und der Anreize für Mobilität
"hinaus" und "herein". Die vielen (erfolgreichen)
unilateralen, bilateralen und multilateralen Mobilitätsprogramme in Östzerreich
waren zunächst "hinaus"-Programme.
SOCRATES, LEONARDO,
an denen Österreich schon vor dem EU-Beitritt teilnahm und CEEPUS enthalten
Elemente der Reziprozität. Für kleinere Staaten wie Österreich,
ganz besonders bei übermächtigen gleichsprachigen Nachbarn, ist
es schwierig, "herein" - Programme erfolgreich zu gestalten. Die
Teilnahme Österreichs, vor allem der Universitäten an den EU-Programmen
für den wissenschaftlichen Nachwuchs ist bis heute der günstigste
Weg, österreichische Forschungseinrichtungen für Europäer attraktiv
zu machen; die lingua franca der Wissenschaft erlaubt es, Spracherfordernisse
zu differenzieren. Die karrierebewußte jüngere Generation beherrscht
im übrigen in der Regel mehrere Fremdsprachen.
- Die Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses in Österreich ist in Hinblick auf diese veränderte
Lagen kurzfristig besonders vordringlich; das hat der neue "Rat für
Forschung und Technologieentwicklung" anerkannt, in dem er bereits einer
ersten Tranche der Sondermittel 2001-2003 dem Vorschlag des Bundesministerium
für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefolgt ist, ein großzügiges
Nachwuchsprogramm zu finanzieren zu bedenken ist, dass der Bund seit 1994
eine negative Aufnahmepolitik betreibt und eine tüchtige, europäische
offene, mobile Fremdsprachen beherrschende junge Generation frustriert. Eine
neue Personalpolitik und darin ein neues Dienstrecht ist also erforderlich;
sie muß vor allem die Mobilität hinaus und herein fördern
und nutzen; in der Karriere "zu Hause" sind Auslandserfahrungen
zu belohnen; der Einsatz von qualifizierten Personen im Rahmen einer Personalentwicklung
an Bildungs- und Forschungseinrichtungen, aber auch in den zentralen Verwaltungsstellen,
ist entsprechend zu steuern.
Hervorzuheben an
den POST DOC-Nachwuchsprogrammen des Bundeministeriums für Bildung, Wissenschaft
und Kultur ist die Verstärkung der Möglichkeiten "herein"
Stipendien zu vergeben - z.B. (L. Meitner - Stipendien) und zurückkehrende
APART und Schrödinger Stipendiaten durch besondere Forschungsprojekte
in Österreichs Wissenschaft, und Industrie wieder zu integrieren.
Zum Abschluss:
Diesem Diskussionsbeitrag liegt eine andere Orientierung zugrunde als sie bisher
in der wissenschaftspolitischen Diskussion üblich war; ich frage nach den
erzielbaren "out put" und "inpact" der eingesetzten Mittel,
nicht zuerst nach den notwendigen "input" an Mitteln. Daraus folgt
für die vier Themen meines Beitrages:
- zur Verbesserung der demographischen
Entwicklung kann Österreich in Europa mitwirken, aber nichts wesentliches
allein bewirken durch schnelle kluge Veränderungen der Rahmenbedingungen
kann Österreich Vorteile schaffen;
- gleiches gilt für die Bildungspolitik;
- für Mobilität, für
Qualität des wissenschaftlichen Nachwuchses, für die Wettbewerbsfähigkeit
in Europa usw. sind Zusatzmittel erforderlich; in diesem Sinne kann Österreich
vieles unternehmen; der Einsatz der Mittel wäre aber überprüfbar
mit den genannten Zielsetzungen zu verbinden und dieses Kriterium haben die
Empfehlungen des Rates für die Verwendung der Mittel durch das Bundesministerium
für Bildung, Wissenschaft und Kultur politisch durchgesetzt.
SC. DR. RAOUL KNEUCKER
Bundesministerium fŸr Bildung, Wissenschaft und Kultur