PRAKTISCHE UND ORGANISATORISCHE PROBLEME EINER STUDIENEINGANGSPHASE

Wolfhard Wegscheider
Studiendekan an der Montanuniversität Leoben
Franz-Josef-Straße 18,
A - 8700 LEOBEN
e-mail: wegschei@unileoben.ac.at

 

In diesem Bericht werden Konzept, Umsetzung und erste Erfahrungen mit der Neugestaltung des 1. Studienjahres an der Montanuniversität Leoben präsentiert. Der Ausdruck "Studieneingangsphase" im Titel der Arbeit hat dabei lediglich die Aufgabe, klarzustellen, daß es sich bei dem Leobener Ansatz um einschneidende Veränderungen zu Beginn des Studiums handelt. Dies soll nicht verwechselt werden mit der viel zu kurz greifenden Festlegung im UniStG, noch mit den von der Studentenschaft negativ besetzten Assoziationen wie "Hinausprüfen" (knock out-Prüfung), da derlei Intentionen prinzipiell nicht im Zentrum der Überlegungen zur Studienreform stehen sollten. Vielmehr handelt es sich, wie im weiteren auszuführen sein wird, um einen sehr umfassenden Ansatz zur Neugestaltung des Studiums in den ersten beiden Semestern, um den Studierenden durch einen guten Einstieg den Weg zum erfolgreichen Studienabschluß frühzeitig zu weisen.

 

Ausgangslage

Gemeinsam mit vielen anderen Studien, insbesondere solchen an technischen Universitäten, ist die Studiendauer in Leoben bis zur Mitte der 90er-Jahre auf 16 bis 18 Semester angestiegen. Dabei werden häufig für den ersten Studienabschnitt nominell 10 bis 12 Semester veranschlagt, während der Rest, also im Schnitt 6 Semester, auf den zweiten Studienabschnitt entfällt. Nominell wird diese Betrachtungsweise deshalb genannt, weil die Studierenden in der Praxis häufig Fächer des zweiten Studienabschnittes interessanter und wohl auch leichter finden, so daß in vielen Fällen die Absolvierung des letzten Faches und dadurch der Abschluß des ersten Studienabschnittes hinausgezögert wurde.

Die Leobener Universität zeichnet sich dadurch aus, daß 10 Studienrichtungen angeboten werden (Tabelle 1), die alle in Österreich unkonkurrenziert sind. Die relative Kompaktheit der Universität bringt es daher mit sich, daß in keiner Studienrichtung Massen von Studierenden betreut werden müssen, daß andererseits aber für viele Studienrichtungen in zentralen Fächern nur wenige Habilitierte die Betreuung übernehmen können. Bei ca. 40 Professoren sind die Grenzen der personellen, räumlichen und administrativen Möglichkeiten relativ schnell erreicht, so daß ein besonders großer Koordinierungsbedarf nicht nur innerhalb der Studienrichtungen sondern auch zwischen den Studienrichtungen besteht.

Da die Montanuniversität Leoben nicht in Fakultäten gegliedert ist, ist seit Eintreten der Universität in die Organisationsform des UOG 93 (also seit Dezember 1995) ein einziger Studiendekan mit drei Vizestudiendekanen im Amt, von dem damals auch von der Universitätsöffentlichkeit erwartet wurde, einen nachhaltigen Beitrag zur erforderlichen Koordinierung zu leisten.

Tabelle 1 - Studienrichtungen an der Montanuniversität

  1. Erdölwesen und
    Petroleum Engineering (3. Abschnitt)
  2. Industrieller Umweltschutz, Entsorgungstechnik und Recycling
  3. Gesteinshüttenwesen
  4. Hüttenwesen
  5. Montanmaschinenwesen
  6. Kunststofftechnik
  7. Markscheidewesen
  8. Bergwesen
  9. Werkstoffwissenschaften
  10. Angewandte Geowissenschaften

     

Neu eintretende Studierende sind damit - bei einer guten Überschaubarkeit der Universität an sich - mit einer großen Vielfalt angebotener Studienrichtungen konfrontiert, die wegen der gemeinsamen Grundlagen der Ingenieurwissenschaften auch noch in späteren Semestern relativ leicht gewechselt werden können. Wie an den meisten technischen Universitäten ist der Anteil der weiblichen Studierenden nicht sehr groß. Ca. 60 % der Studienanfänger haben eine BHS-Matura und 40 % eine AHS-Matura, während die Verteilung bei den Studienabsolventen interessanterweise gerade umgekehrt ist. Es kann davon ausgegangen werden, daß unter den Absolventen das Verhältnis von BHS- zu AHS-Maturanten 40:60 beträgt. Dazu sind mindestens zwei Interpretationen möglich:

  1. Studierende mit BHS-Matura sind an sich schon besser "marktfähig", so daß für sie ein Übertritt in das Berufsleben auch ohne Hochschulabschluß jederzeit möglich ist, und
  2. Studierende mit AHS-Matura sind auf Grund des dort gepflogenen Ausbildungsprinzips im Schnitt besser studierfähig als solche mit BHS-Matura.

Wichtige Randbedingungen werden natürlich durch die gesetzlichen Grundlagen der Universitätsstudien geschaffen, die sich auch nach dem jetzt gültigen Universitätsstudiengesetz durch eine sehr liberale Haltung auszeichnen und sich dadurch einer strikteren Reglementierung, wie etwa durch das ETH-Gesetz und Statut vorgesehen, verschließen. An dieser Stelle soll ausdrücklich angemerkt werden, daß alle hier beschriebenen Reformen noch im Rahmen des AHStG durchgeführt wurden, da der Reformbedarf sowohl vom Universitätsbeirat, als auch von der einschlägigen Industrie als sehr dringend empfunden wurde.

 

Ideen zur Gestaltung des Studienanfangs

Verkürzt ausgedrückt lassen sich die Anforderungen an die Hochschule als Institution und an die Studierenden in den ersten Semestern wie folgt charakterisieren:

Während die Hochschule in erster Linie die Studierbarkeit der Studien in inhaltlicher und organisatorisch optimaler Form sicherzustellen hat, stehen die Studierenden am Anfang vor der Aufgabe ihre Studierfähigkeit erwerben, erkunden und unter Beweis stellen zu müssen. Für die Studienplangestaltung bedeutet das, eine Balance zu finden zwischen einer ziel- d.h. also prüfungsorientierten Anleitung und der Förderung der Selbständigkeit der Studierenden. Dabei gilt es generell wieder, die Berufsvorbildung stärker in das Zentrum zu rücken, und sich der zahlreichen Aspekte zu besinnen, die mit der Forderung nach Berufsvorbildung einhergehen. Hier geht es vor allem um nicht-kognitive Elemente und Inhalte wie etwa Höflichkeit, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Termintreue, Berufsethik, Teamfähigkeit, etc. Für die Hochschule muß der Ansatz dabei heutzutage der sein, nicht so sehr darüber zu jammern, daß die Studierenden diese Einstellungen zu Studienbeginn noch nicht im ausreichenden Maße mitbringen (und sich solcherart auf vorangelagerte Schulen auszureden), sondern einzuplanen, daß neben all den Aspekten der Vermittlung notwendiger Fähigkeiten und Fertigkeiten die oben genannten "Tugenden" ein unabdingbares Gut jedes Akademikers zu sein haben.

Gleichzeitig gilt es natürlich Änderungen der Berufsbilder zu antizipieren, wobei neben der verständlichen Forderung nach der "Brauchbarkeit" der Absolventen auch garantiert sein soll, daß der akademisch vorgebildete Ingenieur auch noch als 50- bis 55-jähriger wichtige Beiträge zur Gestaltung von Technik, Natur und Umwelt leisten kann. Zu zukünftigen Änderungen der Berufsbilder werden unter anderem gehören:

 

Ziele des Neuen 1. Studienjahres

Daraus ergeben sich eine Reihe von Zielen, die am Studienanfang möglichst schnell erreicht werden müssen:

  1. Erlangen einer guten Studierfähigkeit der Studienanfänger.
  2. Einplanen einer verlängerten Informationsphase für Studierende, ohne dadurch begründeten Zeitverzug.
  3. Setzen organisatorischer Maßnahmen zur Sicherstellung einer guten Studierbarkeit.
  4. Vermitteln des Gefühls der Gleichwertigkeit verschiedener Studien auf einem hohen Niveau.
  5. Ausbessern spezifischer kognitiver Defizite, die sich durch die Streubreite des österreichischen Maturaniveaus ergeben.

 

Konkrete Umsetzung

In Anbetracht der gemeinsamen Grundlagen der Ingenieurstudien erschien es zweckmäßig, die Anforderungen in den ersten beiden Semestern für alle Studienrichtungen gleich zu machen. Dies ermöglichte insbesondere eine Schonung der Ressourcen, die im weiteren dazu verwendet werden, Übungsgruppen klein zu halten bzw. spezielle Lehrveranstaltungen zum Ausgleich von Maturadefiziten einzurichten. Diese Funktion kann nämlich auch von einem noch so regelmäßigen Abhalten von Sprechstunden nicht übernommen werden.

Um dies zu erreichen, haben die Studienkommissionen den Studiendekan mit sehr weitreichenden Koordinierungsbefugnissen ausgestattet, der dadurch ein sehr starkes Mandat hatte mit den einzelnen Lehrveranstaltungsleitern auf maximale Koordinierung hinzuarbeiten.

Da durch diese Art der Gestaltung natürlich nur jene Fächer im ersten Studienjahr gelehrt werden können, die tatsächlich Grundlagen für alle Studienrichtungen darstellen, wurden einerseits speziellere Grundlehrveranstaltungen auf höhere Semester verschoben. Andererseits wurde - zur umfassenden Einführung der Studierenden in die charakteristischen Fächer ihrer Studienrichtungen - eine Informationsveranstaltung des Studiendekans unter dem Titel "Einführung in die montanistischen Wissenschaften" im ersten Semester eingerichtet. Diese wurde als Ringlehrveranstaltung abgehalten, bei der jede Studienrichtung Gelegenheit erhielt, diese allenfalls auch durch einen Besuch der einschlägigen Institute zu ergänzen.

Die Fächer der ersten und zweiten Semesters sind mit Stundentafeln in Tabelle 2 angeführt.

 

Tabelle 2
Stundentafeln und geschätzte wöchentliche Vorbereitungszeit des Studenten

1. Semester (Wintersemester)
Vorlesung
Übung
Vorbereitungszeit (h)

Mathematik I

5 V
3 UE
3
Physik I
4 V
2 ReUE
3
Chemie I
4 V
-
-

Computeranwendung und
Programmierung

2 V
2 UE
8

Summe 15 V 7 UE 14
       

Einführung in die DG
(ohne DG in der Schule)

3V
3 UE
3 h
       
 

2. Semester (Sommersemester)

Mathematik II
4 V
2,5 UE
3
Statistik
2 V
1,5 UE
2 (1)*

Physik II

2 V
1 ReUE
3 (1,5)*
Chemie II
2 PS
-
3 (1,5)*
Allg.techn.Mechanik
3 V
2 UE
3
Darstellende Geometrie I
1 V
2 UE
3

Summe
12 V
9 UE
17 (13)*
       
       

V = Vorlesung; UE = Übung; ReUE = Rechenübung; PS = Proseminar; DG = Darstellende Geometrie

* zählt zur Hälfte, da die Lehrveranstaltungen in einer Semesterhälfte geblockt wird

 

Ein wesentliches Element, um die Studierbarkeit des ersten Jahres zu erhöhen, besteht darin, koordinierend Einfluß auf die Prüfungstermine zu nehmen. Hier bestand ein vorrangiges Ziel darin, Prüfungstermine

  1. zeitlich zu entflechten, so daß nicht sämtliche Lehrveranstaltungen zu Semesterende absolviert werden müssen, und
  2. eine ausreichende Zahl von Prüfungsterminen für alle Fächer sicherzustellen, so daß ein einmaliges Scheitern des Studierenden bei einer Lehrveranstaltungsprüfung nicht automatisch zu einem nennenswerten Zeitverlust führen muß.

Als Schlüsselelement bei der Erreichung dieser Ziele wurde das Blocken von Lehrveranstaltungen gezielt eingesetzt, ohne aber die Studierenden durch zu intensive Blockung zu überfordern. So wurde etwa die 4-stündige Chemie-Lehrveranstaltung im Wintersemester 5-stündig gelesen und dafür schon vor Weihnachten abgeschlossen, während die 2-stündige Chemie-Lehrveranstaltung im Sommersemester 4-stündig gelesen wurde und bereits vor Eintritt in die Osterferien abgeschlossen werden konnte. Dies hat nicht nur zu einer Ausweitung des Zeitraums zur Ablegung der Prüfung Chemie I von Weihnachten bis zum Ende der Semesterferien geführt, und damit eine gute Voraussetzung für die Chemie II Lehrveranstaltung geliefert, sondern auch zu Semesterende Zeit geschaffen, sich auf den Abschluß der restlichen Lehrveranstaltungen zu konzentrieren.

Analog dazu wurde im Sommersemester mit der Physik-Lehrveranstaltung erst nach den Osterferien begonnen, zu einem Zeitpunkt, zu dem sowohl Chemie II als auch Statistik (das in ähnlicher Art wie die Chemie II Lehrveranstaltung geblockt wurde) abgeschlossen waren.

Man durfte sich aus der zeitlichen Aufteilung verbunden mit der Reduktion der Zahl der Fächer, für die aktuell mitgelernt werden mußte, eine Verbesserung der Studierbarkeit erwarten.

Tutorien, Repetitorien und Konversatorien wurden je nach Fach zusätzlich gestaltet und angeboten, wobei die Studierenden hier in erster Linie das Angebot zur intensiven Vorbereitung auf den Abschluß der Pflichtlehrveranstaltungen genützt haben.

Um sicherzustellen, daß in den folgenden Semestern für die Studierenden Vorteile aus ihrer vorangegangenen Ausbildung wirksam werden, ist der Übergang vom zweiten auf das dritte Semester durch die Festlegung relativ zahlreicher Voraussetzungen im Sinne des AHStG gekennzeichnet. Das Erreichen dieser "Etappe" kann damit gleichzeitig als Erfolg der Universität beim Nachbessern maturabedingter Defizite, als Verbesserung der entsprechenden Studierfähigkeit der zukünftigen Drittsemestrigen und als Nachweis einer hinreichenden Studierbarkeit angesehen werden.

Evaluierung

Abgesehen von allen gesetzlichen Verpflichtungen hat das Universitätskollegium den Studiendekan in besonderer Art und Weise verpflichtet, eine kritische Betrachtung des relativen Erfolges dieser Maßnahmen zu garantieren. Zum Zeitpunkt des Abschlusses des vorliegenden Berichtes (1. Juli 1998) ist es naturgemäß noch nicht möglich, diese Evaluierung mit letzter Aussagekraft abzuschließen, sondern es können lediglich Trends verzeichnet werden. Zu diesen Trends gehört, daß bereits bei Eintritt in das Sommersemester ein beträchtlicher Prozentsatz aller Studierenden alle (bzw. fast alle) verlangten Lehrveranstaltungsabschlüsse erreicht hat (Abbildung 1). Dazu kommt auch, daß etwa in den vergangenen Jahren vor Eintritt in das dritte Semester 10 bis 20 Studierende die Lehrveranstaltung Chemie II absolviert hatten, während bis zum oben angeführten Stichtag im Neuen 1. Studienjahr bereits mehr als 100 Studierende, also ca. 2/3 dieses Ziel erreicht hatten.

 

Abbildung 1

 

Ziele der Studienplangestaltung nach UniStG

Während alle vorhin geschilderten Maßnahmen wegen des großen Zeitdruckes umgehend umgesetzt wurden, hat das Neue 1. Studienjahr auch eine positive Hinwendung der gesamten Universität zur nun anstehenden Studienreform nach UniStG bewirkt. So hat etwa das oberste Kollegialorgan der Montanuniversität Richtlinien für die Studienreform verabschiedet, die für alle Studienrichtungen gleichermaßen angewendet werden sollen. Ohne an dieser Stelle im Detail auf diese Richtlinien einzugehen, seien nur einige zentrale Punkte daraus angeführt:

Dabei soll auch von den Studienkommissionen erwogen werden, inwiefern ein positiver Effekt durch die Festlegung von 3 statt bisher 2 Studienabschnitten erreicht werden könnte, wobei gegebenenfalls das Neue 1. Studienjahr als eigener Studienabschnitt gelten mag.

 

 

Danksagung:

Die Koordinierungsarbeit, die mit der Gestaltung des Neuen 1. Studienjahres verbunden war, wäre ohne die permanente Unterstützung der Universitätsleitung mit Magn. O.Univ.Prof.Dipl.-Ing.Dr.mont. Peter PASCHEN an der Spitze nicht so erfolgreich gewesen. In der wöchentlich stattfindenden Mittwochsbesprechung der Studiendekane habe ich durch die Herren Vizestudiendekane DANZER, FISCHER und EBNER viele Anregungen erhalten und moralische Unterstützung erfahren.