Nachruf auf Gottfried Magerl



Die Österreichische Forschungsgemeinschaft (ÖFG) hat mit Gottfried Magerl einen Denker und Gestalter verloren, der stets über Fächergrenzen hinweg agierte und vermittelte – und dies in der ihm eigenen herzlichen, motivierenden Art, mit einem gesunden Schuss Humor und einer generell optimistischen und positiven Lebenseinstellung. Wir werden ihm immer dafür dankbar sein, dass er für mehr als ein Vierteljahrhundert die Formulierung und Umsetzung der Ziele der ÖFG in ganz wesentlicher Weise mitgestaltet hat.

Gottfried Magerl, ein gebürtiger Wiener des Jahrgangs 1947, maturierte 1965 in Wien am Gymnasium Fichtnergasse mit der eher seltenen Fächerkombination Mathematik, Darstellende Geometrie, Philosophie und Altgriechisch. Mit diesem Hintergrund entschied er sich schließlich für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium und schloss 1972 das Diplomstudium Elektrotechnik (Studienzweig Nachrichtentechnik) an der TU Wien (damals noch Technische Hochschule genannt) ab. Sein Diplomarbeitsbetreuer Prof. Ernst Bonek fragte ihn, ob er am damaligen Institut für Hochfrequenztechnik eine Dissertation schreiben möchte und erfüllte damit Gottfried Magerls geheimen und großen Wunsch. Im Juni 1975 promovierte er summa cum laude zum Doktor der technischen Wissenschaften. Schon während der Dissertation hatte er am Hochfrequenzinstitut eine Anstellung als Assistent, konnte auch nach der Promotion am Institut bleiben und sich wissenschaftlich weiter vertiefen. Im Sommer 1981 habilitierte er sich für das Fach Hochfrequenztechnik an der TU Wien. Ein wichtiger Meilenstein seiner Arbeiten war die Entwicklung eines InfrarotSpektrometers, mit dem man Moleküle mit ultrahoher Auflösung untersuchen kann. Nicht zuletzt auf Basis dieses Erfolges wurde er zu Gastprofessuren in die USA eingeladen. Im Studienjahr 1981/82 ging Gottfried Magerl auf Einladung von Professor Oka mit seiner Familie in die USA, an die University of Chicago. Dort war er – für einen Techniker eher ungewöhnlich – am Department of Chemistry tätig, weil er sich damals mit der Mikrowellenmodulation von Kohlendioxidlasern beschäftigte. Diese Periode seines Lebens beschrieb Gottfried Magerl als eine sehr schöne und spannende Zeit. In den Jahren 1984 und 1986 kehrte er für weitere Forschungsaufenthalte in die Vereinigten Staaten zurück, nach Chicago und an die Michigan State University. Parallel dazu war Gottfried Magerl als Dozent an der TU Wien tätig und mit seinem ersten großen Forschungsthema im Bereich der höchstauflösenden Infrarotspektroskopie beschäftigt. 1987 nahm er eine Gastprofessur am Department of Physical Chemistry der Universität Ulm wahr. Schließlich wandte er sich wieder der reinen Mikrowellen- und Hochfrequenztechnik zu, wobei Forschungsaufträge aus der Industrie und damit die Anwendungsorientierung eine immer größere Rolle spielten. Im Jahr 1990 wurde er außerordentlicher Universitätsprofessor für das Fach Mikrowellentechnik und verlagerte seine Schwerpunkte mehr und mehr in das Gebiet der Mikrowellenschaltungstechnik. Schließlich wurde Gottfried Magerl 1998 als ordentlicher Professor an das Institut für Elektrische Mess- und Schaltungstechnik berufen und trat die Professur im März dieses Jahres als Institutsvorstand an.

Seine Forschung war nicht nur thematisch gesehen vielfältig, sondern auch was die Anwendungen betraf. So arbeitete er etwa an Straßenmautsystemen, die mit MikrowellenRadar funktionieren. Die Firma Kapsch hat auf diesem Forschungsbeitrag ihr Mautsystem entwickelt. Weitere Forschungspartner in diesem bunten Spektrum waren die europäische Weltraumbehörde ESA und die Metallindustrie. Gottfried Magerl war zudem einer der Gründerväter des 1998 gegründeten Forschungszentrums Telekommunikation Wien (FTW), ein Zusammenschluss von akademischer Forschung und 15 Telekommunikationsunternehmen, gefördert im Rahmen des Kplus-Programmes des österreichischen Infrastrukturministeriums. Seit den Neunzigerjahren beschäftigte sich Gottfried Magerl intensiv mit Leistungsverstärkern für den Mobilfunk und half somit der europäischen Forschung in diesem Bereich den Rückstand gegenüber den USA in diesem Bereich aufzuholen. Als geeignetes Mittel zum Zweck erkannte Magerl ein Network of Excellence für Mikrowellenverstärker. Im 6. EU-Rahmenprogramm gelang 2004 die Einrichtung des Projektes TARGET (Top Amplifier Research Groups in a European Team), das schon bald darauf exzellente Ergebnisse hervorbrachte. Im Rahmen dieses Netzwerks wurde der gesamte Bereich von der Halbleiter-Materialwissenschaft über die theoretische Modellierung bis hin zur Erzeugung von Endgeräten im Verstärkerbau gemeinsam interdisziplinär betrachtet. Sein Engagement und seine Arbeit wurden vielfach gewürdigt und wir nennen nur als Beispiel die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse im Jahre 2013.

Gottfried Magerl engagierte sich innerhalb der TU Wien auch als Vorsitzender des Fakultätsrats der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik und schließlich als Dekan dieser Fakultät. Auch außerhalb der TU engagierte sich Gottfried Magerl in diversen wissenschaftlichen Gremien und Netzwerken; es seien hier nur stellvertretend seine Mitgliedschaft in der obersten Telekom-Regulierungsbehörde, das bereits erwähnte europäische Netzwerk TARGET und seine Mitgliedschaft in den verschiedensten Beratungsund Evaluierungsgremien genannt. Er war auch einer der Gründerväter, Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Forschungszentrums Telekommunikation Wien und bis zuletzt Senatsmitglied der Christian Doppler Gesellschaft.

Gottfried Magerl war von 1993 bis 2000 Generalsekretär der ÖFG und ist, ebenfalls seit 1993 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der ÖFG. Von 2007 bis 2010 hatte er den Vorsitz dieses Gremiums inne. Davor war er auch schon Mitglied der Hochschulpolitischen Arbeitsgemeinschaft.

Mit seinem Engagement für die ÖFG wollte und konnte er auch ein politischer Mensch sein. Man konnte mit ihm trefflich darüber streiten, ob Wissenschaftler auch als Bürger die Verpflichtung haben, am großen Projekt der Aufklärung zu arbeiten. Er hatte sich dafür entschieden. Er vertrat mit Überzeugung sein Bekenntnis zu einem wissenschaftlichen Fortschritt, der dem Menschen und damit der Gesellschaft zugutekommt, wenn Bildung mehr als Ausbildung bedeutet und wenn nicht gleichzeitig Rationalität zur Gänze von Weltanschauung, er hat oft gesagt „Spekulation“, ersetzt wird.

Gottfried Magerl war ein hervorragender, interdisziplinär denkender und handelnder Wissenschaftler, der nicht davor zurückschreckte, Verantwortung zu übernehmen – in den Worten eines seiner ersten wissenschaftlichen Mentoren Prof. Ernst Bonek: „Wenn er etwas angefangen hat, dann hat er es zur Spitze gebracht“. In seinem Wirken war er, bei aller Entschlossenheit und bei allem Vorwärtsdrang gleichzeitig ein ausgleichender Kollege mit dem viele von uns auch freundschaftlich verbunden waren. Wer ihn kannte, kann wohl sagen, er war zu allem dem noch, in einem ganz unprätentiösen Sinne, einfach ein guter Mensch. Wir werden ihn vermissen.

PDF